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London 1957

Der Flughafen Düsseldorf sieht aus wie ein Schlachthof

London, den 12.7.1957

So, mein Liebes, nun bist Du aber wirklich an der Reihe. Dich werd ich doch wohl hoffentlich nicht so schnell vernachlässigen, besonders nicht wegen der albernen Postkarten, die ich aller Welt schicken muss.

Ich werde Dir alles schön von Anfang an erzählen: Papa und Mama brachten uns, Ruppi und mich, zum Flughafen nach Düsseldorf. Ich war noch reichlich müde. Wir mussten ja schon um halb sechs Uhr abfahren, da das Flugzeug um 8 startete und die Versammlungszeit um 7 Uhr war.

Von dem Flughafen bin ich sehr enttäuscht, im Film ist das doch immer viel schöner. Aber hier, in Düsseldorf ist nur eine Halle mit den Schaltern der einzelnen Fluggesellschaften, die, wenn man die Stände mit dem Andenkenkitsch und die Kioske im Rücken hat, also nicht sieht, die Halle in einen Schlachthof verwandeln. Das heißt - wie ich mir einen Schlachthof vorstelle.

Dort rechts ist eine kleine Bank auf der 2 junge Mädchen 17-18 jährige sitzen. Ganz teilnahmslos und gleichgültig ist ihre Miene. Das kann ich auch: Seht her, ganz von oben herab und weltmännisch. Eigentlich ist das ja kindisch, was ich, was wir hier machen… Warum sich nicht freuen, die Erwartung nicht zeigen?

Doch muss das Gepäck gewogen werden. Lieber Gott, bin ich aufgeregt, ist bestimmt viel schwerer als 30 kg. Ich will doch nicht, daß Mama wieder was bezahlt. Ruppi hat’s geschafft. Sie hat sogar noch 3 kg weniger. Meine Güte, jetzt bin ich dran. Natürlich 10 kg zu schwer. Was jetzt? Schon wieder 6 DM bezahlen.

Aber nein, die Bordstewardess (die übrigens keine schicke Uniform, sondern ein fast schon umadrettes Kleid trägt) kümmert sich nicht um das Übergewicht. Na Gott sei Dank, hab eben Glück gehabt.

Jetzt verabschieden sich Mama und Papa. Sie gehen auf die Terrasse, um unseren Abflug beobachten zu können. Wir beide begeben uns in ein Café und müssen dort warten. – Es dauert recht lange. Die Maschine nach Barcelona, die auch um 8 starten soll, ist schon fort und wir sitzen noch hier. – Na endlich ist es so weit wir gehen auf die Rollbahn. Oben stehen Mama und Papa. Wir winken noch einmal. Wir haben das Flugzeug erreicht.

Was fällt denn da? Doch nichts von mir! Oder? Doch - es war die Vorsatzlinse von Hans Fotoapparat. Dankeschön, junger Mann!! Muss mehr aufpassen.

So jetzt steigen wir ins Flugzeug fast als letzte. Sind nur noch gegenüber 2 Plötze an den Flügeln da. Wir nehmen sie. Sofort anschnallen! Es geht gleich los. – Der macht einen Lärm! Jetzt fährt er ein Stück und - steigt schon. Wir sind oben. Man merkt kaum, daß man fliegt. Ist ja wunderbar!

8:55 Uhr Antwerpen, 9:10 Küste, 9:55 Ankunft.

Der Abstieg ist unangenehm. Die Ohren brausen und knacken. Die Stewardess gibt uns wie beim Aufstieg Bonbons. – Wir sind auf der Erde. – Aussteigen. Rasch noch ein Foto von Ruppi vor dem Flugzeug. Von mir. Jetzt noch durch den Zoll, meine Güte, was die nicht alles wissen wollen? Gleich nochmal zum Zoll wegen der Koffer und und in den Bus nach London.

Die Fahrt dauert lange. Wir sollten um 12 in Euston sein – da ist schon Euston. Wir spähen nach Ruppis Brieffreundin aus. Da ist sie. Erika und Marita nirgendwo. Aussteigen. Koffer holen. Werde mal nachsehen, im Brief, wohin sie kommen wollte. Koffer durchkramen. Ach, wer kommt da? Marita und Erika. Marita etwas sehr geschminkt, sonst wie immer. Abschied von Ruppi. Fahre mit der Tube. Fühle mich gleich wieder wie zu Hause. Findley Road. Nehme Taxi zu meinem Reiseende.

Ankunft in der Unterkunft

Die Landlady spricht deutsch, weil Schweizerin. Bietet uns Kaffee und Kuchen an. Hab ein nettes Zimmer, kann mir alles kochen. Koffer auspacken. In die Stadt Picadilly Circus in eine Bar. Ich mit langer Mähne.

Am Abend ins Theater: Titus Andronicus von Shakespear mit Vivian Leigh und Lawrence Olivier im selben Theater wie voriges Jahr. War nicht besonders gut. Zum Künstlerausgang - Schauspieler gesehen. Nach Hause. Schlafen.

Jetzt Pudding Kochen und dann Viktoria Station Koffer abholen. Im Bus hinter mir sprechen Leute über Titus Andronicus – Viel zu weit gefahren. Wieder zurücklaufen. Koffer in Dover, muss Formular ausfüllen nach Dover schicken. Langweilige Gesellschaft. Brauch doch ein Nachthemd. Wieder nach Haus. Essen. In die Schule, warten bis Marita kommt. Dann Postkarteneinkauf Selfridge. Wieder zur Schule mit Marita und deutschem Jungen zur U-Bahn Station.

Hab noch keine Lust, nach Hause zu fahren. Will ins Kino gehen. Was? - Der Junge will auch nicht nach Haus? „Ach Gott ins Kino auch nicht“ Mit mir gehen. Kann ihn doch nicht mit auf meinen Erinnerungsausflug nehmen. Wissen nicht, wohin. Da kommt M. Wagner mit Mutter. Große Begrüßung. –

Er weiß immer noch nicht, wohin. Nun gehen wir zum Regents Park. Hab gar nicht viel Lust. – Es regnet. Hurra! Sogar sehr. Müssen nach Haus. Gott sein Dank.

Samstag 13.07.1957

Morgens gemütlich gegessen. Ticket und Zimmer bezahlt. Nachmittags mit Marita, Erika und Barbara in Soho Reis mit Stäbchen essen. Alles fiel runter. Sehr lustig. Danach in La Grotta. Viel Spaß bekommen. Italiener. Abends mit zu Marita Fernsehen. Nur Kriminalstücke. Haben uns zuerst tüchtig sattgefressen. Eiersalat, Obst sehr lecker Kuchen, Plätzchen. Gegen halb 12 hat Marita mich rausgeschmissen, weil draußen Brandes klopfte.

Ein Ritt durch die Nacht

Sonntag, 14.07.1957

Morgens zur Kirche Westminster Cathedral. Nachmittags Marita getroffen zum Soho Fair. Karnevalszug. Funny! Coffee Bar - sehr nett. Treffen einen Engländer und einen von den Fidschiinseln. Interessante Unterhaltung über Hitler und Bismarck. Abends wieder zu Brandes, Fernsehen, Essen, Nägel lackiert. Trinken Whisky und Eierlikör. Tommy Steele doof.

Halb elf ging ich zur Tube. In Brent fiel mir ein, daß ich den Schlüssel bei Marita hatte, wieder um. Marita aus dem Bett geholt, zur Tube, lange gewartet. Es fuhr eine bis Golders Green. Dort halbe Stunde gewartet. Erfahre, daß nichts mehr in die Stadt fährt. Wollte heulen. Mit dem Bus irgendwo hin. Verfahren, ausgestiegen, zu Fuß gegangen, fast eine Stunde. War um 1 Uhr zu Haus.

Montag, den 15.07.1957

1. Tag in der Schule war sehr nett. Nachmittags Ruppi getroffen. Zum Viktoria. Koffer noch immer nicht da. Zum Marble Arch Speaker hören. Netten Deutschlehrer kennengelernt von Frankfurt. Abends Pudding, nicht gut. Suppe gut.

Mittwoch, den 24.07.1957

Habe über eine Woche nicht mehr geschrieben, weil ich so schrecklich wenig Zeit habe. Weiß nicht mehr, was wir letzten Mittwoch und Donnerstag gemacht haben. Werde Marita danach fragen.

Freitag: Abends ins Ballet. Les Sylphicks / Symphony for Fun + Etüden - gut gefallen.

Samstag: Morgens ausgeschlafen. Nachmittags mit Ruppi und Tudy im Tower. Abends Suterlude mit Ressaner Brassi und June Allyson, Marianne Koch. Ganz nett.

Sonntag: Morgens zur Kirche + Spaziergang im St. James Park. Mit zu Marita Abends.

Montag: Im „Cinerama Holiday“ prima. Danach 2 Franzosen kennengelernt. Ivan & Jules.

Dienstag: Mit den Franzosen zu den Speakern. Hyde Park. Abends Tanzen. Doof.

Mittwoch: Heute Abend Bach-Konzert.

Der komische Inder

Samstag, den 27.07.1957

Ich hörte damit auf, zu schreiben, daß ich ins Bach-Konzert gehen wollte. Es hat mir ganz gut gefallen. Es wurde dasselbe Brandenburgischer Konzert gespielt wie im letzten Sinfonie Konzert in Germany. Aber es war nicht so gut hier. Nach dem Konzert als ich nach Hause ging, redete mich ein Inder an, wo die Goldcroft Straße sei. Ich sagte es ihm. Aber er ging nicht dahin, sondern ging mit mir. Er wollte unbedingt mit mir rausgehen. Ich sagte ich habe keine Zeit. Aber er ließ nicht locker, so verabredete ich mich für Freitag ins Konzert mit ihm. Ich hab sämtliche Erzengel angerufen, er möge nicht kommen. Aber er war da, obwohl ich eine viertel Stunde zu spät kam. Einige Male während des Konzertes ging er raus. Kam aber immer wieder. (Beethoven Konzert)

Nachher fragte er mich, wo mein Vater lebe. Ich sagte, da wo ich lebe. Wo meine Mutter sei, ich sagte auch da. Ob ich Geschwister habe. Ja. Leben sie bei dir? Natürlich. Das findet er seltsam. Er habe keine Geschwister. (Das kann nicht stimmen, Mittwoch hat er gesagt, sein Bruder studiere Ingenieur in Deutschland.)

Seine Mutter sei Französin. Vater lebe irgendwo, wüßte nicht wo. Er habe ihm Englisch beigebracht, als Kind schon.

Er sei immer so allein in London. Ich frage: Keine Freunde? Doch, aber er wolle mehr. Nimmt meine Hand (weiß genug)

Kommen an Tube Station an. Will noch in den Hyde Park. Um Gottes Willen - nein!

Ich bekomme Angst vor ihm. Er ist manchmal so komisch. Fragt mich einmal, ob ich glaube, er sei ein Mörder, lacht so komisch. Hab schreckliche Angst. Will mich mit nach West Hampstead nehmen. Dort habe er Schlüssel vom Zimmer. Nein! Ich will nicht. Noch mehr Angst. Erzählt mir komisches Rätsel: Wenn ein Vogel erschossen würde und der Bauch aufgeschnitten würde, würde das Baby noch leben? Ich hab so Angst. Er findet das Rätsel furchtbar lustig. Ich finde es schrecklich.

Sagt von Hampstead zu mir wäre genauso weit wie von Findley Road. Soll mit ihm fahren. Nein, nein, nein! Er will morgen um 12 Uhr kommen. – Samstag morgen.

Muss unbedingt Frau Frohlich alles sagen, damit sie ihn wegschickt. Ich hab Angst. Sag ihr alles. „All right.“ Um 12 kommt er. Herr Frohlich macht auf. Weiß nichts. Sie ist nicht da. Was soll ich mit ihm machen? Will mit auf mein Zimmer.

Nein, nein, nein! Wie, wie… was soll ich machen? Rufe Marita an. Sie kommt aus der Badewanne. Soll sagen, ich müsse zu ihr kommen. – Verabredung für Mittwoch. Werde NICHT hingehen. Lieber Gott, hilf mir, daß ich ihn NIE wiedersehe.

Ein Manager & ein Spion

Sonntag, den 28.07.1957 - Abends gegen 11 Uhr

Heut war ein ganz verrückter Tag. Werde alles der Reihe nach erzählen. Hab Marita um halb 3 am Oxford Circus getroffen. Sie wollte Scheck einlösen in der Post. Da riefen uns zwei Deutsche älteren Jahrgang zu, die Post sei Samstag geschlossen. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch. Einer von Aachen. Ist sehr erfreut, Dürener zu sehen. Lädt uns ins Kaffee ein. Einer ist Manager - hat Agentur. Gehen auf seine Flat. (Habe Angst) Aber ganz harmlos.

Erzählen vom Krieg. Einer war Spion. Sie haben hier einen Club. Laden uns ein für Dienstag. Sehr, sehr komisch.

Fahren nach Haus. Am Abend wasche ich. Gegen neun kommt Erika. Weiß schon alles. Marita hat sie schon angerufen. Wir lachen uns tot und erzählen viel lustiges. Bring sie bis zur Tube Station. Wen treffen wir? Andree…! Oh Schreck. Wir strudeln beide was ganz anderes. Fahre mit Erika, damit ich nicht mit ihm gehen brauch. Bis Baker-Street.

Hab kein Geld und keine Karte bei. Conductor lässt mich so durch. Gott sei Dank, komme heil bis nach Haus! God help me!

Furchtbar alte Deutsche

Dienstag, den 06.08.1957

Sonntag, den 28. haben wir Deutsche kennengelernt. 1 Aachener, 1 Berliner. Eingeladen zu Café dann ins Office. Hat Agentur für Stellenvermittlung. Haben uns eingeladen für Dienstag Party.

Montag: ins Kino. Römische Geschichten, Verbotene Frucht.

Dienstag: Party: Erika, Marita und ich & ein Italiener.

Deutsche furchtbar alt - schon 40. Sehr blöd. Nachher noch in die Cafébar. Zigarette in dem Café, dann zum Club. Bar. Furchtbar. 2 Uhr zu Haus.

Mittwoch: zu Marita.

Donnerstag: Silk Stockings mit Fred Astare

Freitag: früh im Bett. Schwimmen.

Samstag: wie Freitag.

Sonntag: Ausflug zu See. Cabriolet. 2 Engländer, 1 Grieche. Little Hampton.

Montag: Schwimmen. Kino: Love in the afternoon. A. Hepburn, M. Chevalier, B. Crosby.

Dienstag: British Museum

Gute Filme - schlechte Filme

Die blöden Deutschen haben uns wieder eingeladen. Nicht hin. Zu Typhon sur Nagasaki mit Jean Marais. Ich weiß nicht mehr genau, wie alles war. An welchem Tag ich in welchem Film war.

Mittwoch: Ruppi und Rudy getroffen. Abends in Killburn in „Teahouse in the August Moon“

Donnerstag: Mit Marita in „Les enfants Terribles“ Ganz fantastisch. Wirklich großartig. 2. Film mit J. C. Pascal „Woman of Lebanon“ - Mist.

Freitag: Sinfonie Council Beethoven / Mädchen aus Hamburg

Samstag: Weiß ich nicht mehr.

Sonntag: Baker Street Kirche. Mit Italienern National Gallery. Abends Erika.

Montag: Ruppi letzter Tag, großer Trouble wegen Karte. Mit Christa, Erika und Maude essen. Bücher kaufen Charing Cross. Van Gogh.

Dienstag: Tate Gallery. Kino: Island in the sun. Mist.

Fa. in Schule: to make propotion

Mittwoch: Fa. kniept mir zu mit einem Auge??!!! Toller Kerl

Kino: Charly Chaplin Cartoon. La Grotta, netter Ire, spricht Deutsch, Französisch, Ungarisch, Russisch. Deutsch am liebsten.

Nun zu Hause. Rauche im Bett.

Letzter Tag

Donnerstag, den 15.08.1957

Letzter Tag in der Schule bin traurig – mit Marita tanzen Prima Club in Findley Road. 2 Spanier Rudolf. Vater Regisseur.

Freitag: zum letzten Mal sehe ich Fa. – – –

Gehe mit Christa ins Kino: Story of Esther Costello, R. Brassi

Abends Sinfonie Konzert Beethoven.

Created By
Annette Eichler
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