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Richard Vogl Rot sind manche Blaue Blätter.

Schwer ist leicht was

„Beim Abschiednehmen lüftete Ernst seinen Hut und machte, auf den Fußspitzen stehend und leicht vornübergebeugt, eine gezirkelte Bewegung, um im Abgang den Hut wieder aufzusetzen, das Ganze ein Kinderspiel und schweres Kunststück in einem.“ So erinnerte sich der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler W.G. Sebald an einen Besuch bei Ernst Herbeck im Jahr 1980. Herbeck, der wegen einer schizophrenen Psychose fast sein ganzes Leben in der Psychiatrie verbrachte, schrieb Gedichte, in denen er seine eigene Beziehung zur Wirklichkeit auslotete.

„Das Ganze ein Kinderspiel und schweres Kunststück in einem“ – so könnte man auch die in jüngster Zeit entstandenen Bilder von Richard Vogl beschreiben. Anders als die komplexen Bilderzählungen früherer Arbeiten erscheinen sie wie flüchtige Traumsequenzen, die vieles offen lassen und doch Geheimnisse bewahren. Menschen und Tiere begegnen sich in diesen Bildern. Ein freundlicher Fisch wird bei Mondlicht von einem Kind bestaunt. Ein bunter Vogel lässt sich nicht von dem Mann mit dem Fähnchen beeindrucken. Paare finden zueinander. Ja, es ist wie immer eine schwierige Übung. Vater, Mutter, Kind und Kind stellen sich zur Familie auf. Aus Wolke, Wolke und Wolke wird eine Landschaft. Oder sind es drei Früchte, die sich in die Lüfte erhoben haben? Auf jeden Fall gibt es Blumen in dieser verhuschten Welt der Merkwürdigkeiten. Und es gibt Frauen, die Blumen lieben. Eine oder zwei oder einen ganzen bunten Strauß. Rote Blumen und rote, schreibt Ernst Herbeck in einem Gedicht.

Die Bildwelten von Richard Vogl sind keine Konstruktionen, keine „vorgedachten“ Szenen. Vielmehr hat er anfangs überhaupt keine festen Vorstellungen von dem, was auf der Leinwand passieren könnte. Der Prozess des Malens, der zunächst mit einer abstrakten Setzung, mit einem Farbklang oder einem Rhythmus beginnt, sei für ihn eine andere Art nachzudenken, sagt Richard Vogl. „Etwas im Bild antwortet auf das, was in mir geschieht, und etwas in mir antwortet auf das, was im Bild geschieht.“ Die Protagonisten betreten, Schauspielern gleich, die Leinwand wie eine Bühne. Situationen entstehen, sie entwickeln sich, lösen sich wieder auf oder aber verdichten sich zu einem Bild, das Bestand hat.

In seinen neuen Arbeiten verzichtet der Maler endgültig auf die Darstellung von Räumlichkeit. Er lässt seine Figuren – und zuweilen auch Objekte – aus einem gleichsam vagen, wenn auch subtil gestalteten Farbraum auftauchen. Manche von ihnen scheinen zu schweben, manche wirken noch unentschieden, ob sie ganz auftreten oder wieder verschwinden wollen. Sie sind in Bewegung, mit wehendem Haar, nur halb zu sehen, fast schon wieder weg. Oder sie strecken zunächst nur den Kopf ins Bild. Nur ganz selten gibt es Andeutungen von Landschaften oder von Interieurs, eine Horizontlinie vielleicht, einen Bergrücken, eine Tischkante oder eine Zimmerpflanze. Die Farbe hat in diesen Bildern keine abbildende Funktion. Sie illustriert nicht, sie ist vielmehr die autonome, bestimmende Kraft. Neben Rot in vielen verschiedenen Nuancen zwischen Scharlach und Rosé ist ein ins Grün tendierendes Gelb tonangebend. Die Wirkung beider Farben wird neben mattgrauen oder tiefgründig blauen Flächen noch verstärkt.

Früher wollte er so viel wie möglich in ein Bild packen, ihm oftmals zu viel aufladen, sagte Richard Vogl kürzlich in einem Interview. Inzwischen aber wisse er, dass es nicht immer „Kampf und Drama“ sein muss: Als Maler dürfe man auch „Dinge annehmen und gelten lassen, die leichter dahergekommen sind, als eine Art Geschenk oder Überraschung“. Das gilt nicht nur für die großen Arbeiten auf Leinwand, sondern auch für die Ölpastelle, die im kleinen Format auf Karton entstehen und oftmals beinahe skizzenhaft bleiben. Und es gilt natürlich insbesondere für die Zeichnungen, über die Vogl sagt: „Am schönsten ist es, wenn schon nach ein paar Strichen alles da ist, bevor ich überhaupt richtig gemerkt habe, was da passiert. Leider ist das aber eher selten der Fall.“

Richard Vogl, 1952 in Furth im Wald geboren, studierte von 1973 bis 1980 an der Akademie der Bildenden Künste in München bei Heinz Butz und Rudi Tröger. Seine Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen und in renommierten Galerien zu sehen, er wurde vielfach ausgezeichnet. 2004 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste gewählt. Er lebt und arbeitet in Bernhardswald in der Oberpfalz und in München.

Im vergangenen Jahr ist Richard Vogl siebzig geworden. Noch immer tritt er Tag für Tag, Bild für Bild in einen Dialog mit der Welt, lotet seine eigene Beziehung zur Wirklichkeit aus, wartet ebenso gespannt wie geduldig auf den Augenblick, in dem ihm das Bild „wie ein vertrauter Fremder“ entgegentritt und er das Gefühl hat, es konnte nur so und nicht anders werden. „Ein Kinderspiel und schweres Kunststück in einem“ ist ein Bild dann, wenn es gelingt, im richtigen Moment aufzuhören. Auch Richard Vogl selbst empfindet seine in jüngster Zeit entstandenen Bilder als beruhigter, gelassener, reduzierter – und vielleicht auch freier. Das schwere Kunststück des Älterwerdens aber besteht wohl darin, zur Leichtigkeit des Kinderspiels zurückzukehren.

Rot ist die Wirklichkeit und der Herbst. Rot sind manche Blaue Blätter. So endet das Gedicht von Ernst Herbeck, das dieser Ausstellung den Titel gegeben hat.

Katja Sebald

Dank

Im Rahmen dieser Onlinepräsentation möchte ich mich bei Katja Sebald für ihren einfühlsamen Text bedanken, ein großer Dank geht an Paulo Mulatinho für seine schöne visuelle Umsetzung, seine Geduld und Ausdauer.

Die Ausstellung ist von 16. September bis 4. November 2023 zu den Öffnungzeiten der Galerie zu besuchen.

galerie 13 - fritz dettenhofer