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Streiten und miteinander ringen, aber nicht «kratzen oder beissen»

Jürg Birnstiel

Unter Christen gibt es unterschiedliche Überzeugungen – das war immer so. Wie können wir damit umgehen? Paulus schreibt im Blick auf eine Streitfrage: «Wenn ihr einander wie wilde Tiere kratzt und beisst, dann passt nur auf, dass ihr euch nicht gegenseitig verschlingt!» (Galater 5,15). Wie können wir vermeiden, dass wir uns angesichts von Meinungs-Verschiedenheiten unnötig gegenseitig verletzen und in unserem Glauben an Jesus Christus verunsichern? Das folgende Modell mit vier Kategorien hilft uns, mit unterschiedlichen Überzeugungen in der Gemeinde umzugehen.

1. Kernwahrheiten – dafür sterben wir

Ungeachtet kultureller Einflüsse und persönlicher Entwicklung existieren im christlichen Glauben Wahrheiten, die unverrückbar sind, wie tief verankerte Säulen : Gott ist Schöpfer des Himmels und der Erde, Jesus ist der menschgewordene Gott, der für unsere Schuld am Kreuz starb und leiblich auferstand usw. – Wahrheiten, die im Apostolischen Bekenntnis festgehalten wurden. Diese Wahrheiten gründen auf eindeutigen Aussagen in der Bibel. Für Christen sind sie nicht verhandelbar. Würde eine dieser Säulen, z. B. die leibliche Auferstehung von Jesus, eingerissen, würde das gesamte Glaubensgebäude in sich zusammenfallen (1. Korinther 15,14). Viele Christen wurden und werden verfolgt, starben und sterben, weil sie nicht bereit sind, ihren Gott und Sein Werk zu verleugnen.

Das Apostolische Glaubensbekenntnis
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, Seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird Er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Übersetzung, die am 15./16. Dezember 1970 von der Arbeitsgemeinschaft für liturgische Texte der Kirchen des deutschen Sprachgebietes verabschiedet wurde.

2. Überzeugungen – daran arbeiten wir

Verschiedene Themen werden in der Bibel nicht explizit behandelt, weil sie damals nicht relevant waren. Trotzdem müssen wir uns bei aktuellen Fragestellungen eine Meinung bilden. Aufgrund verschiedener Bibelstellen im AT und im NT erarbeiten wir uns zu diesen Themen Überzeugungen, die sowohl für den einzelnen Christen als auch für die Gemeinde wichtig sind. Themen wie z. B. Scheidung und Wiederverheiratung ; Stellung der Frau in der Gemeinde ; Erdbestattung oder Kremation oder die grossen Themen der Eschatologie (z. B. wann findet die Entrückung statt ?). Es lässt sich kaum vermeiden, dass unsere Überzeugungen von der Zeit und Kultur beeinflusst sind, in der wir leben. Über die Jahre können sich solche Überzeugungen verselbständigen und einen quasi-biblischen Status erlangen. Ein Klassiker ist die Stellung der Frau in der Gemeinde. Dieses Thema musste dringend neu durchdacht werden, weil sich glücklicherweise die Gesellschaft fundamental verändert hat, indem man den Frauen mit mehr Respekt begegnet – ohne in einen Feminismus abzugleiten. Frauen sind keine Geschöpfe zweiter Klasse ! Weil sich in dieser Frage einige Überzeugungen verselbständigt haben, fällt uns eine biblisch zu verantwortende Antwort gar nicht so leicht. Deswegen müssen wir den gesamt­biblischen Rahmen beachten und sollten nicht versuchen, jede Frage mit einer konkreten Bibelstelle zu beantworten. Jede Generation muss ihre Überzeugungen neu überdenken und unter der Leitung des Heiligen Geistes daran arbeiten.

Es lässt sich kaum vermeiden, dass unsere Überzeugungen von der Zeit und Kultur beeinflusst sind, in der wir leben.

3. Ethik – darum ringen wir

Als Kinder Gottes wollen wir ein Gott wolfgefälliges Leben führen. Wir vermeiden Unzucht, Unreinheit, Ausschweifungen, Götzendienst, Eifersucht usw. (Galater 5,19–21). Hingegen streben wir nach den Früchten des Heiligen Geistes : Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit (Galater 5,22.23). Paulus kämpfte dafür. Er schreibt : «Ich kämpfe wie ein Faustkämpfer, der nicht danebenschlägt. Ich treffe mit meinen Schlägen den eigenen Körper, sodass ich ihn ganz in die Gewalt bekomme. Ich will nicht anderen predigen und selbst versagen» (1. Korinther 9,26.27). Das ist der geistliche Kampf, in dem sich Christen befinden (Galater 5,16–18). Wir ringen darum, Täter des Wortes zu sein und nicht «nur» Hörer zu bleiben.

Wir ringen darum, Täter des Wortes zu sein und nicht «nur» Hörer zu bleiben.

4. Vorlieben – daran leiden wir

Jeder Mensch wird durch seine Herkunftsfamilie, sein kulturelles Umfeld und religiöse Einflüsse geprägt. In diesem Setting werden auch unsere persönlichen Vorlieben geformt, sei es bezüglich Musik, Kleidung, politischer Standpunkte und vielem mehr. Bleibt unsere Prägung unreflektiert, kann es sein, dass wir selbstverständlich davon ausgehen, Gott hätte denselben Geschmack und dieselben Vorlieben wie wir. Wenn mir die Musik im Gottesdienst nicht gefällt, dann gehe ich davon aus, dass sie auch Gott missfallen muss. Besser wäre dagegen, zu seinem Musikgeschmack zu stehen und einfach festzustellen, dass mir der Musikstil der Gemeinde nicht gefällt. Leider sind es oft persönliche Vorlieben, die in unseren Gemeinden zu grossen emotionalen und verletzenden Auseinandersetzungen führen. Wir sollten lernen, die Gemeinde zu ertragen, wenn sie persönliche Vorlieben nicht ganz befriedigt. Wir müssen akzeptieren, dass es in der Gemeinde nicht in erster Linie um das eigene Wohlbefinden geht, sondern darum, dass Gott geehrt wird und Sein Reich wachsen kann. Es ist wichtiger, dass die nächs­te Generation Christen sich in Gottes Reich investiert, als dass meine Vorlieben befriedigt werden. Rick Warren bemerkt in seinem Buch treffend : «In einer durchschnittlichen Gemeinde ist es wahrscheinlich leichter, die Theologie der Gemeinde zu ändern als ihre Gottesdienstordnung.» (Rick Warren: Kirche mit Vision, S. 266.)

Wir müssen akzeptieren, dass es in der Gemeinde nicht in erster Linie um das eigene Wohlbefinden geht, sondern darum, dass Gott geehrt wird und Sein Reich wachsen kann.

Fazit

Diese vier Kriterien können uns helfen, die Bedeutung verschiedener Fragen unseres Glaubens einzuordnen und ihnen einen angemessenen Stellenwert zu geben. Diese vier einfachen Kriterien helfen uns zu verstehen, was wir in unserem Glauben nie preisgeben dürfen und wo wir in einer gesunden Gelassenheit eine andere Meinung zur Kenntnis nehmen können. Oder wie es Paulus den Christen in Philippi schreibt :

«So wollen wir denken – wenn wir uns zu den ‹Vollkommenen› zählen. Wenn ihr in irgendeiner Einzelheit anderer Meinung seid, wird euch Gott auch das noch offenbaren. Aber lasst uns auf jeden Fall auf dem Weg bleiben, den wir als richtig erkannt haben» (Philipper 3,15.16).
Unterscheiden. Welchen Stellenwert haben unterschiedliche Überzeugungen ?
Miteinander ringen um gemeinsame Überzeugungen und ein Leben nach Gottes Willen.
Einander ertragen. Ein grosses Herz für persönliche Vorlieben.
Jürg Birnstiel ist seit Herbst 2022 pen­sionierter Pastor der VFMG