Mit Liebe zur Landwirtschaft der Agrarwissenschaften an der Universität Bonn in Rekordzeit absolviert und machen nebenbei einen maroden Bauernhof fit für die Zukunft. 33 Module und eine Bachelorarbeit in 13 Monaten. Lernen bis spät in die Nacht, Schutt schleppen – und das alles neben dem Familienleben. Wie haben sie das geschafft?
„Ihr könnt gerne studieren, aber verliert keine Zeit auf dem Hof!“ – Diese Ansage ihrer Schwester Rümeysa Saemian motivierte die Brüder, ihr Studium so schnell wie möglich abzuschließen. Im Jahr 2023 starteten sie ihr Studium und hielten nach nur drei Semestern ihre Bachelor-Urkunden in den Händen. Der straffe Zeitplan erforderte 60 bis 70 Stunden pro Woche und ein Pendeln zwischen Vorlesungen und Baustelle. „Das Hof-Projekt gab uns die nötige Motivation“, erklärt Yasin. Ihr klares Ziel: Je schneller sie mit dem Studium fertig waren, desto eher konnten sie sich dem Hof widmen.
Dabei hatten sie einige Vorteile: Rümeysa hatte denselben Studiengang bereits vor Corona-Zeiten absolviert und gab wertvolle Tipps. Zudem brachten die 37-jährigen Zwillinge bereits Berufserfahrung und Abschlüsse im Bauingenieurwesen in Köln und Siegen mit, die im Umfang weniger Module fürs neue Studium anrechenbar waren. Yasin arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen. „Wir wissen, wie man effizient lernt, das Studium und die Prüfungen strategisch plant“, erklärt Emin. Besonders hilfreich war, dass sie oft gleich-zeitig für Grund- und Aufbauklausuren belegten, sodass die Inhalte frisch blieben.
Dass beide das gleiche Ziel hatten und studierten, erleichterte den Alltag. Während der eine auf dem Hof arbeitete, ging der andere zur Uni. Abends zwischen 20 und 24 Uhr tauschten sie sich aus. So konnten sie den Lernstoff direkt vertiefen und diskutieren. Ihre bevorzugte Lernmethode? Karteikarten - ganz altmodisch.
„Das ist nicht jedermanns Sache“, sagt Rümeysa. „Das Studium ist ja oft auch eine Phase der Selbstfindung.“ Yasin ergänzt: „Wir waren sehr fokussiert und hatten den landwirtschaftlichen Betrieb als klares Ziel vor Augen. Wir wollten so schnell wie möglich produktiv werden. An der Uni Bonn zu studieren hatte auch praktische Vorteile:
„Wir konnten bei der Landwirtschaftskammer einen Pflanzenschutzkurs belegen, der uns später nützlich sein wird. Ohne den Tipp unserer Schwester hätten wir das wahrscheinlich verpasst“, erklärt er. Solche Kurse sind im späteren Berufsleben oft nur schwer und teuer nachzuholen. „Auch hier lohnt sich der Blick über den Tellerrand und in die Prüfungsordnungen.“
Perfekte Voraussetzungen für den Hof der Zukunft
In der Nähe von Brauweiler liegt der Bauernhof, der die beiden inspiriert hat. Der Boden ist noch matschig vom Regen der vergangenen Wochen, und ein Blick auf die alten Gebäude zeigt, wie groß die Herausforderung ist: Vieles ist in die Jahre gekommen, manches baufällig.
Gemeinsam mit ihren Familien haben Emin, Yasin, Rümeysa, ihre Schwester Rana und ihre Eltern den heruntergekommenen Hof im Sommer 2021 ersteigert, innerhalb von fünf Jahren, so der Plan, soll die Grundsanierung abgeschlossen sein.
Rana, die eigentlich als Ärztin arbeitet, ist nun in ihrer zweiten Rolle als Baggerfahrerin tätig und transportiert Bauschutt über das Gelände. Andere Bereiche wie die asbestbelasteten Dächer stellen noch eine besondere Herausforderung dar.
Hier kommt die fachliche Kompetenz der Familie ins Spiel. Rümeysa bringt Erfahrungen aus der Sanierung eines Bürogebäudes mit. Als Bauingenieure kennen sich die Brüder bestens mit Bautechniken und Baustoffen aus. Kenntnisse, die von unschätzbarem Wert sind. Denn es gilt, den Hof, der Pferdehaltung und Ackerbau für den Futtermittelbetrieb vereinen wird, nachhaltig und zukunftsfähig zu machen. „Wir wollen CO2-neutral werden. Unsere Dachflächen könnten mit Solarmodulen bedeckt werden und den Strombedarf von 200-300 Haushalten in Dansweiler decken“, erklärt Emin.
Auch eine moderne Gebäudedämmung ist in Planung. „Aber das muss auch wirtschaftlich sein“, ergänzt Rümeysa. „Nicht alles, was man sich wünscht, lässt sich auch umsetzen.“ Im Studium lernten sie bei Prof. Ralf Dr. Pude vom Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn die Möglichkeiten von nachwachsenden Rohstoffen kennen, und jetzt prüfen sie, wie diese bei der Sanierung des Hofes eingesetzt werden können.
Begeisterung für die Landwirtschaft
„Ein klarer Vorteil, wenn man im Studium über den Tellerrand hinausblickt“, meint Yasin. Was wie umgesetzt wird, entscheidet die Familie gemeinsam. „Wir haben oft unterschiedliche Vorstellungen und natürlich gibt es auch mal Streit - vor allem in der Planungs- und Entscheidungsphase“, gibt Yasin zu. Doch letztlich verbindet sie die Liebe zur Landwirtschaft, die die Familie schon lange begleitet.
Auch die Entscheidung für das Studium war wohl überlegt. „Es gibt Wendepunkte im Leben“, sagt Emin. „Dass wir jetzt in der Landwirtschaft gelandet sind und darauf unsere bisherigen Berufe aufbauen können, zeigt, dass wir den richtigen Weg ein-geschlagen haben.“
Credits:
Fotos: Yehdou