Ältester Bischofssitz mit Prunk und Pracht Vor rund 1700 Jahren entstand in Ostia eine riesige Kirche mit einem Palast nach Vorbild der profanen Welt

  Die archäologische Überraschung steckte nur wenige Zentimeter unter der Ackerkrume. Über Jahrhunderte sind Pflugscharen immer wieder über das frühe Zeugnis der Christenheit hinweggeschrammt und haben manchen Stein zur Seite gerollt – doch ohne größeren Schaden zu hinterlassen.   Letztlich war es sogar ein Glück, dass die Landwirte die Flächen immer weiter nutzten, bis der Archäologische Park Ostia Antica in der Nähe von Rom entstand.

„Hier stört keine Überbauung unsere Ausgrabungen – auch auf Gräber oder ähnliches müssen wir kaum Rücksicht nehmen“,

sagt Prof. Dr. Sabine Feist von der Christlichen Archäologie der Universität Bonn.

Eine günstige Situation für die Wissenschaft – und nicht nur deshalb: „Wir kennen noch andere Kirchen aus dieser Frühphase, doch wurden diese im Mittelalter komplett verändert.“ Auch das hat hier nicht stattgefunden.

  Aber geschippt wurde dort bereits ab dem 2. Jahrhundert: Der heutige Vorort von Rom wuchs wegen seiner Bedeutung für den Handel und seines Hafens. Dann begann der Verfall wegen der Versandung des Flusses und des Hafenbeckens, was die Schifffahrt beeinträchtigte.

Luftbild der Grabung. Unten der Bischofssitz

Für das Christentum beginnt jedoch eine neue Ära: Ab 380 nach Christus wird der ursprünglich verfolgte Glaube zur Staatsreligion des Römischen Reichs, wovon auch zahlreiche Bauten zeugen.

 

Urform und Vorbild für andere Monumentalbauten

Davon war bis vor kurzem nicht mehr so viel übrig. Oberflächlich deutete nicht viel darauf hin, dass hier im Archäopark vor rund 1.700 Jahren eine der ersten Kirchen entstand.

Sie war quasi Urform und Vorbild für andere Monumentalbauten wie Kölner Dom oder Ulmer Münster.

Kaiser Konstantin der Große war Förderer des Christentums und der Kirchenbauten. Deshalb entstand in Ostia eine der frühesten, größten und reichhaltigsten Kirchen.

Darüber hinaus kam dem Bischof von Ostia die wichtige Rolle des Kardinaldekans zu, der nach dem Tod des Papsts das Konklave einberuft.

Wo sich sein Sitz genau befand, war lange Zeit unklar.

Bei geophysikalischen Untersuchungen entdeckte das Deutsche Archäologische Institut im Jahr 1996 einen rund 50 mal 80 Meter großen Kirchenkomplex am südöstlichen Stadtrand von Ostia. Später wurde der Baukomplex auf die Zeit um 330 n. Chr. datiert.

Kartenansicht, unten die Basilika und Vorgängerbau.

Mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft kam es erst in den Jahren 2023 und 2024 zu Grabungen. Dabei wurden große Teile der Kirche freigelegt, die teils auf den Resten einer römischen „Insula“ – eines mehrstöckigen Miethausblocks – errichtet worden war.   Seit 2022 leiten Prof. Sabine Feist von der Universität Bonn, Prof. Michael Heinzelmann von der Universität Köln und Prof. Norbert Zimmermann vom Deutschen Archäologischen Institut gemeinsam das Projekt. Als Sabine Feist 2020 einen Ruf an die Universität Bonn annahm, kontaktierte sie Michael Heinzelmann, der damals schon seit mehr als 20 Jahren in der einstigen Hafenstadt Ostia bei Rom forschte.

Damit kamen unterschiedliche Disziplinen zusammen: Heinzelmann als klassischer Archäologe, Zimmermann mit einem Schwerpunkt auf Malerei und Feist auf Architektur. Emanuela Borgia von der La Sapienza in Rom ist mit ihrem Team für Kleinfunde, vor allem Keramik, verantwortlich.

Prunkhalle mit Marmor und Mosaiken

  Bei den Ausgrabungen stießen die Forschenden neben der riesigen Kirche mit dem angrenzenden Bischofssitz auf einen weiteren großen Anbau. Dieser entpuppte sich bei den aktuellen Untersuchungen im Jahr 2025 als eine Prunkhalle des Bischofspalasts. Mit einem Grundmaß von rund acht mal 20 Metern war diese „Aula“ ungewöhnlich groß – und die eigentliche Überraschung der Grabungskampagne. Eine Saalhöhe von mindestens acht Metern und edle Ausstattung zeugen von großem Prunk, mit dem die Forschenden so nicht gerechnet hatten.

Rekonstruktion der Bischofskirche: Auf Grundlage der Grabungsergebnisse 2023 und 2024. Rekonstruktion: Daniel Hinz

  „Wir haben aus der konstantinischen Zeit nichts Vergleichbares“, berichtet Sabine Feist. „Die Bischöfe waren eine neue Klasse in der Spätantike, die sich erst etablieren mussten.“ Für die Repräsentation griffen sie offensichtlich auf das zurück, womit man sich auch in der „profanen“ Welt in Szene setzte: Große Säle, Marmorverkleidung, Mosaikfußboden. „Allerdings übertrifft der Saal an der Bischofskirche alle anderen bekannten zeitgleichen Beispiele in Ostia“, sagt die Archäologin. „Ostia ist ein absolut singuläres Beispiel.“  

Freilegung und Dokumentation der Aula. Foto: Archiv Ostia-Projekt

Weniger singulär, sondern eher Routine sind die Grabungsarbeiten. Die Wissenschaftlerin trägt Sicherheitsschuhe, lange Hosen und Kappe – letztere wegen der unbarmherzigen Sonne. Mehrmals war Sabine Feist zusammen mit Promovierenden und Studierenden von der Universität Bonn für die mehrwöchigen Grabungen vor Ort. „Es ist heiß und die körperliche Arbeit anstrengend“, schildert sie. „Aber ich freue mich auf jeden neuen Tag, weil immer Neues dabei herauskommt.“   Eine Kelle hat sie immer griffbereit – um direkt selbst mit anpacken zu können. Ihre Hauptaufgabe ist es, alles im Blick zu behalten und zu entscheiden, wo und wie weitergegraben wird. „Wir sind als Leitung außerdem für die Kommunikation mit dem italienischen Grabungsteam und dem Archäologischen Park verantwortlich“, berichtet die Wissenschaftlerin, die auch Mitglied im Transdisziplinären Forschungsbereich „Present Pasts“ und im Exzellenzcluster „Bonn Center for Dependency & Slavery Studies“ der Universität Bonn ist.  

Durchgetaktete Tage

  Übernachtet wird auf einem Campingplatz in Mobile Homes. Der Tag ist durchgetaktet: Wenn der Archäologische Park morgens um 7:30 Uhr öffnet, wartet das Grabungsteam bereits vor dem Tor.

Dann folgen der Rundgang und die Besprechung der Aufgaben für den Tag. Kurz vor 8 Uhr geht es mit der Grabung los. Gegen 9:30 Uhr gibt es einen kleinen Snack und gegen 12 Uhr die Mittagspause. Dann ziehen sich die meisten unter schattenspendende Bäume zurück. Gegen 15 Uhr enden die Grabungsarbeiten. Dann folgt jedoch die Dokumentation des Tagwerks – mit Drohnen, Fotos, Zeichnungen und Beschreibungen. Die Auswertung kann bis in die Nacht dauern. Zum Abendessen treffen sich jedoch alle: an langen Tischen zwischen den Mobile Homes. Feist: „Entweder kochen wir, bestellen Pizza oder gehen in nahegelegenen einfachen Lokalen essen.“  

„Etwas schizophrene Kombination“

  Sabine Feist lässt den Blick über die Grabung schweifen: „Die Weiternutzung der Insula durch die Bischofskirche hat dazu geführt, dass dieses Areal mit Abstand am längten in Ostia besiedelt worden ist.“

Überall sonst enden die Besiedlungsspuren deutlich früher. Nur an der Bischofskirche gibt es Befunde bis in das Frühmittelalter.

„Hier gibt es die Möglichkeit, das Siedlungsareal über einen Zeitraum von fast 1000 Jahren lückenlos zu erforschen“, schwärmt die Wissenschaftlerin.

Welche Bedeutung hat die Kirche für diese ausdauernde Besiedlung gehabt? Kam das Bauprojekt damals in Ostia gut an? Wie verhält es sich mit dem zentralen Puzzleteil – der Aula des Bischofs? Wie gehen die „08/15“-Basilika und die Einzigartigkeit des bischöflichen Prunksaals zusammen? Feist sieht dies als eine „etwas schizophrene“ Kombination.

Freilegung einer Bestattung.

  Noch gibt es viel unter der ehemaligen Ackerkrume im Archäologischen Park Ostia Antica zu erkunden. Das Forschungsteam hat bereits Mittel für ein dreijähriges Fortsetzungsprojekt bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft genehmigt bekommen. Für September und Oktober 2026 ist die nächste sechswöchige Grabungskampagne geplant. Sabine Feist ist vorbereitet: Kelle, Kappe und Sicherheitsschuhe liegen für die nächste Ausgrabung griffbereit.  

Kurz gefragt

  Was war die größte Herausforderung während der Grabung? Alles im Blick zu behalten.   An was haben Sie am häufigsten gedacht? An meine beiden Töchter.   Was ist Ihre persönlichste Entdeckung? Wie textsicher alle Bonner und Kölner Studierende bei Karnevalsliedern sind.   Mit welcher Person aus der Gründungszeit der Kirchenanlage würden Sie gerne sprechen? Gallicanuns. Er wird gemeinsam mit Konstantin dem Großen als Stifter genannt, war aber im Gegensatz zum Kaiser selbst in Ostia. Ich würde ihn gerne fragen, ob er Eigentümer der Insula war, auf der die Kirche errichtet worden ist. Gab es Absprachen mit dem Kaiserhaus bezüglich der Errichtung der Kirche – oder hatte er freie Hand?   Was ist Ihr Lieblingsfund? Die Aula im Bischofspalast. Etwas freizulegen, was noch nicht bekannt war, lässt wohl jedes Archäolog*innen-Herz höherschlagen.    

Fotos: Archiv Ostia-Projekt

Foto Sabine Feist: Barbara Frommann / Uni Bonn

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Johannes Seiler

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Fotos: Archiv Ostia-Projekt Foto Sabine Feist: Barbara Frommann / Uni Bonn