MITTEN IN DER STADT GEMEINDEPORTRAIT FEG WINTERTHUR GATE27

Um 1800 herrschte in den Schweizer Kirchen der Rationalismus, der die Offenbarungen der Bibel infrage stellte. Jesus Christus als Sohn Gottes wurde geleugnet, die Verlorenheit der Menschen durch die Sünde sowie die notwendige Bekehrung wurden verschwiegen.

Die Geschichte

Christusgläubige Menschen, die gegen diese Missstände ankämpften, wurden zum Teil von der Staatskirche verstossen. Es entstanden Stuben-Versammlungen, wo das Wort Gottes unverfälscht verkündet wurde. Aus diesen kleinen Versammlungen entstanden dann etwas später Gemeinden.

So auch die FEG Winterthur, die 1840 im Tösshüsli bei Neftenbach ins Leben gerufen wurde. Betreut wurde sie von Johannes Winzeler, der sich aus ärmlichen Verhältnissen zum Schreiner, Wanderprediger und Liederdichter emporgearbeitet hatte. Er betreute noch weitere Gemeinden in der Ostschweiz.

1872 zog die FEG nach Winterthur um, wo sie bei einer Familie ihre Versammlungen abhalten durfte. Gut 20 Jahre später, 1893, konnte die FEG in ihre erste eigene Kapelle an der Lagerhausstraße in Winterthur einziehen. Mit der Zeit wurde es zu eng in dieser Kapelle.

Die Gemeinde entschied sich Anfang der 30er-Jahre, inmitten der Weltwirtschaftskrise, zu einem mutigen Schritt. Sie baute an der Haldenstrasse in Winterthur eine neue, grössere Kapelle. Diese konnte 1933 bezogen und eingeweiht werden. Die Kapelle wurde 1980 renoviert und durch einen Neubau erweitert. Am 1. November 1981 konnte die Einweihung gefeiert werden.

Jetzt, im Jahr 2025, steht nichts mehr von den Gebäuden von damals, die circa 30 Meter von der Strasse zurückversetzt hinter einem Gittertor standen. Im Januar 2014 wurde das Kongresszentrum gate27 eingeweiht. Es steht direkt an der Strasse, ohne Gittertor, dafür mit einem einladenden Eingangsbereich. Bis es so weit war, gab es einige wichtige Schlüsselmomente.

Nöchi Chile – nöch bi dä Lüüt

Mitte der 90er-Jahre begann sich unsere Gemeinde zu öffnen. Gästefreundliche Gottesdienste entstanden und der Alphakurs wurde eingeführt. Unsere Vision lautete: „Wir sind eine Gemeinde, die nahe bei den Menschen unserer Stadt ist, damit sie Jesus nahe kommen.“ Oder in Mundart: „Nöchi chile – nöch bi dä Lüüt.“

In dieser Zeit wuchs die Gemeinde und zwei Gottesdienste wurden eingeführt. Für die vielen Kinder fehlte immer mehr der Platz, und das Thema Bauen wurde aktueller.

Johannes Reimer inspirierte uns mit dem Begriff „ekklesia“ (Gemeinde als gesellschaftlich relevante Versammlung). Die Gemeindeleitung besuchte die Willowkongresse in Deutschland und der Schweiz, die uns ebenfalls motivierten, gesellschaftsrelevant zu sein und der Stadt zu dienen. Unsere Kapelle stand hinten an den Gleisen, wir aber wollten nach vorne an die Strasse, um den Menschen zu begegnen. Wir wollten das bestehende Gittertor ersetzen durch eine offene Tür. So entstand der Name gate27.

In diese Zeit fiel auch eine Studie des Stadtrats, in der ein Kongresszentrum für unsere Stadt als sinnvoll erachtet wurde, die aber den finanziellen Rahmen sprengen würde. Früher haben wir als Kirche einzelne Räume vermietet. Doch nun beschlossen wir, ein Kongresszentrum und ein Restaurant zu bauen, das der Stadt dient und in dem wir auch als Kirche leben können. Das war ein Paradigmenwechsel. Wir bauten nicht in erster Linie für uns, sondern teilen unsere Räume bis heute mit vielen Veranstaltern, die bei uns ein- und ausgehen.

Das Kongresshaus gate27

Und nun steht das gate27 seit elf Jahren. Das Bistro, seit Kurzem „jederziit“ genannt, ist gut besucht. Die Vermietung der Räumlichkeiten läuft professionell und erfolgreich. Mittlerweile haben wir rund 20 Angestellte. Interessanterweise ist die Stadt Winterthur regelmässige Mieterin. Die Lounge ist ein öffentlicher und attraktiver Ort für Studierende und für verschiedene kleinere Anlässe.

Nicht zu vergessen ist das Auditorium, das einerseits für Grossanlässe vermietet wird und andererseits als Gottesdienstraum für durchschnittlich knapp 300 Besuchende am Sonntagmorgen dient. Die FEG Winterthur hat ein Kongresshaus gebaut und betreibt dieses professionell. Und wir als FEG leben darin als Kirche. Dies ist ohne nennenswerte Konflikte möglich, weil sich die Gemeinde gegenüber der Stadt und der Gesellschaft geöffnet hat. Dies geschah in einem Prozess, der in der Planungszeit bis zur Erstellung des Neubaus stattgefunden hatte.

Die Zeit hinter dem Gittertor ist Vergangenheit. Wir sind nun vorne an der Strasse mit offenen Türen für uns als Kirche, aber auch für alle Menschen, die unsere Räumlichkeiten nutzen.

Von „Nöchi Chile“ zu „Chile, wo bewegt“

Die Vision „Nöchi Chile“ war der Boden, auf dem das gate27 entstehen konnte. Wir brauchten dann ein paar Jahre, um in diesem Neuen die sich uns bietenden Möglichkeiten zu entdecken. Wir haben dabei den Auftrag, unsere Hoffnung mit den Menschen zu teilen, zugegebenermassen etwas vernachlässigt. In einem neuen Visionsprozess spürten wir, dass es nicht reicht, nur „nöchi Chile“, nur nahe bei den Menschen zu sein. Wir wünschen uns Bewegung auf Gott zu, die zu einer Gottesbeziehung führt. So wurde aus der Vision „nöchi Chile“ die Vision „Chile, wo bewegt“ mit den drei Schwerpunkten: Gott entdecken, Gemeinschaft erleben und Hoffnung teilen, welche die drei Beziehungsdimensionen zu Gott, zueinander und nach aussen beschreiben.

Theologische und politische Breite

Etwas, das die FEG Winterthur von anderen Kirchen und kirchlichen Institutionen unterscheidet, ist die gelebte theologische und auch politische Breite.

In der FEG Winterthur sind viele verschiedene Meinungen vertreten. Das kann zu Diskussionen führen. Aber wenn Jesus Christus in der Kirche das Zentrum ist und bleibt, ist diese Meinungsvielfalt keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. So haben wir zum Beispiel als Gemeinde die Zeit der COVID-19-Pandemie sehr gut überstanden, trotz sehr unterschiedlicher Ansichten und Meinungen dazu. Diese Unterschiedlichkeit war für uns nicht neu; sie gehört zur DNA der FEG Winterthur. Wir leben die Kultur der Breite konsequent und freuen uns, neben unterschiedlichen Meinungen auch immer wieder viele Gemeinsamkeiten zu entdecken.

185 Jahre FEG Winterthur

Die FEG Winterthur feiert in diesem Jahr ihren 185. Geburtstag. Was für ein Geschenk! Es wurde und wird viel in diese Gemeinde investiert, und es wird viel Freiwilligenarbeit geleistet. Aber es gilt der Vers aus Psalm 127: „Wenn nicht der Herr das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.“

Er ist im Zentrum unserer Kirche. Um ihn herum versammeln wir uns. Von ihm lassen wir uns immer wieder senden, zu den Menschen unserer Stadt, und mit ihm freuen wir uns, wenn die Stadt zu Gast bei uns ist.