Schweres im Leben aushalten

Birgit Kranjc

Es ist der Morgen des 24. Juni 2005. Wir sind als Missionare in Slowenien tätig. Mein Mann hat gerade unsere beiden Söhne zur Schule gebracht, als er zu mir kommt und sagt: «Ich muss mit dir reden.» Dann kamen die Sätze, die meine innere und äussere Welt völlig durcheinander wirbelten: «Ich habe eine andere Frau und werde noch heute ausziehen.»

Wie kannst du nur an Gott festhalten ?

An dem Tag hatte ich das Gefühl, ich hätte zwei Möglichkeiten : Entweder ich lasse mich in eine Ecke fallen und versinke in einer Depression oder ich klammere mich an Jesus und lasse nicht mehr los. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden. Ich weiss, Gott hätte mich auch durch Variante 1 getragen. Es sind ja nicht wir, sondern ER, der uns festhält.

Entweder ich lasse mich in eine Ecke fallen und versinke in einer Depression oder ich klammere mich an Jesus und lasse nicht mehr los.

Eine lange, schmerzliche Zeit begann. In dieser Zeit haben mich manches Mal Leute erstaunt gefragt, wie ich denn trotzdem so an Gott festhalten könne, obwohl Er so etwas zugelassen hat. Für mich war allerdings meine Gottesbeziehung das Einzige, was ich noch hatte. Ich war sehr froh, die nicht auch noch verloren zu haben. Mein Jesus mit mir – das war die Konstante in diesen verlustreichen Monaten.

Mein Jesus mit mir – das war die Konstante in diesen verlustreichen Monaten.

Was in schwierigen Zeiten hilft

Einige Prinzipien haben sich mir in dieser Lebensphase als besonders wertvoll erwiesen, die gerade für schwere Zeiten in unserem Leben hilfreich sind. Ob es nun wie bei mir damals um die Ehe geht, ob die Kinder Wege gehen, die uns Mühe machen, ob eine Diagnose unser Leben auf den Kopf stellt oder die Arbeitsstelle gekündigt wird – es gibt so viele unterschiedliche Lebens­umstände, die uns in eine Krise führen können. Wie können wir Schweres in unserem Leben aushalten ? Solche schweren Phasen in unserem Leben gehen mit verschiedenen Verlusten einher. Äussere Verluste erkennen wir schnell, so wie liebe Menschen, die Arbeitsstelle oder die Gesundheit. Aber auch Verluste wie Sicherheit, Bedeutung, Sinnhaftigkeit, Hoffnung und vieles mehr wiegen schwer und sind oft verborgen in uns. Jeder Verlust aber benötigt eine gewisse Trauerarbeit, und so ein Trauerprozess braucht Zeit. Viel Zeit, um den Schmerz auszuhalten, zu benennen und ihn heilen zu lassen. Was kann dabei helfen ?

Jeder Verlust aber benötigt eine gewisse Trauerarbeit, und so ein Trauerprozess braucht Zeit.

1. Schütte dein Herz vor Gott aus !

Gott kennt uns ja sowieso. Ganz offen und ehrlich dürfen wir Ihm unser Herz ausschütten. Das erfordert auch, dass wir vor uns selber ehrlich sind. Den Schmerz eingestehen und zugeben. Wir brauchen nichts zu beschönigen, sondern können Ihm sagen, wie uns zumute ist. Vor Gott zu klagen haben wir fast verlernt. Dabei finden wir in der Bibel, z. B. in den Psalmen, Vorbilder, wie Menschen klagend Gott ihr Herz ausschütten.

2. Halte dein Herz Gott hin

Manches Mal fehlen die Worte oder es ist schon alles gesagt. Dann können wir Gott unser Herz hinhalten mit allem, was darin vor sich geht. ER versteht uns auch ohne Worte. Wir können in der Stille vor Gott Ihm vertrauensvoll unser verwundetes, beladenes Herz hinhalten. Er wird auf liebende Weise heilsam in uns wirken.

3. Schaue auf Jesus

Jesus versteht uns. Er hat selber so viel Anfeindung erlebt, Er war einsam, von Menschen verlassen. Er hat alle Schmerzen und die Schuld der ganzen Welt auf sich genommen und ist aus Liebe zu uns ans Kreuz gegangen. Seit unserer schweren familiären Krise habe ich mir Hebräer 12,2 als Lebensmotto gewählt : «Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens. Der um der vor Ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete …» Auf Englisch gefällt es mir noch besser : «Let us fix our eyes on Jesus» (Lasst uns unseren Blick auf Jesus fixieren). Den Blick nicht nach rechts oder links abwenden, nicht auf die vielen Fragen, die auftauchen, nicht auf den Schwall von Entscheidungen, die getroffen werden müssen, nicht auf all die Folgen, die so ein Schritt meines damaligen Mannes unweigerlich mit sich bringen. Mein Blick sollte auf Jesus gerichtet sein. So ausgerichtet hat sich manches in mir sortiert und es konnte eine Entscheidung nach der anderen getroffen werden, ich konnte einen Schritt nach dem anderen gehen.

«Let us fix our eyes on Jesus.» … So ausgerichtet hat sich manches in mir sortiert und es konnte eine Entscheidung nach der anderen getroffen werden, ich konnte einen Schritt nach dem anderen gehen.

4. Nimm Gott bei Seinem Wort

In schweren Zeiten kann die Bibel ganz neu an Bedeutung gewinnen. Gott hat uns so viele Versprechungen gegeben. Oft kennen wir sie so gut, haben uns daran gewöhnt und dadurch verlieren sie vielleicht an Bedeutung für uns. Aber lassen wir einzelne Worte oder Sätze wieder ins Herz sacken, meditieren wir sie, bewegen sie in unserem Herzen, dann kann uns das zu einer reichen Quelle werden. Was bedeutet es z. B., dass Gott zugesagt hat, unsere Lasten zu tragen ? Er, der allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, trägt meine Last ? Trägt mich ? Was für ein tiefer Trost kann uns das in schweren Zeiten sein !

5. Gott ist immer noch Gott

… und wir sind es nicht. Bei aller Klage, die ein ganz wichtiger Bestandteil von schweren Zeiten ist, sollten wir auch dahin kommen, Gott Gott sein zu lassen. Wir können nicht alles verstehen, alles ergründen oder begreifen. Gottes Wege mit uns sind so viel höher und tiefer, als dass wir sie mit unserem menschlichen, begrenzten Denken ergründen könnten. Wohl dem, der darin Ruhe findet und sich im Vertrauen auf Ihn unter Gottes Führung beugt !

Wir können nicht alles verstehen, alles ergründen oder begreifen.

6. Suche dir Menschen, die dich begleiten !

Oft tendieren wir dahin, schwere Zeiten mit uns allein auszumachen. Dabei brauchen wir einander so sehr. Wir brauchen besonders in schweren Zeiten eine Gemeinschaft, die mitträgt, ein Gegenüber, das versteht und uns auf dem Weg begleitet. Vielleicht ist das ein Freund oder eine Freundin, vielleicht ein Seelsorger oder geistlicher Begleiter. Es braucht etwas Mut, sich zu öffnen und sich anzuvertrauen, aber umso schöner ist es, die Erfahrung zu machen, mitgetragen zu werden.

Lass Gott nie los! Denn Er hält dich.
Verluste sind schmerzhaft. Breite deinen Schmerz vor Gott aus.
Du brauchst Begleitung. In schweren Zeiten solltest du nicht alleine sein.
Birgit Kranjc (*1967), Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, Grossmutter von sieben Enkelkindern. Neun Jahre Gemeindegründungs-Arbeit in Slowenien, neun Jahre Dienst in der Vereinigten Deutschen Missionshilfe e. V. im Bereich Membercare. Weiterbildungen in Seelsorge, Christlicher Lebensberatung, Interkulturellem Coaching und Geistlicher Begleitung. Seit 2015 Leitung von fermata e. V., ein Haus in Italien, das Mitarbeitern im vollzeitigen Dienst (Missionaren, Pastoren usw.) einen Rückzugsort mit Gesprächsmöglichkeit anbietet : www.fermata.casa