Schmuggel Im Engadin Grenzüberschreitender Handel abseits der offiziellen Wege

Einleitung: Schmuggel im Engadin

Das Engadin war über Jahrhunderte hinweg Schauplatz von Schmuggleraktivitäten. Die geografische Lage mit seinen zahlreichen Pässen und schwer zugänglichen Gebirgsregionen machte es zu einem idealen Durchgangsort für den illegalen Handel. Doch der Schmuggel war nicht nur eine kriminelle Handlung, oft war es für die lokale Bevölkerung eine Überlebensstrategie. Waren wie Tabak, Alkohol, Kaffee, Fleisch oder Zucker wurden heimlich über die Grenzen transportiert, um hohe Zölle zu umgehen und Versorgungslücken zu schliessen. Diese Website beleuchtet die Entwicklung des Schmuggels im Engadin.

Ursprünge des Schmuggels

Erste Anfänge

Schon im Mittelalter existierte im Engadin ein reger Handel über die Alpenpässe. Die Region war ein Knotenpunkt für Kaufleute, die Waren zwischen Italien, der Schweiz und Österreich transportierten. Mit der Einführung von Handelszöllen und strengen Importbeschränkungen begann der Schmuggel, sich als lukrative Alternative zum legalen Handel zu etablieren. Bauern und Händler, die von hohen Abgaben betroffen waren, suchten nach Wegen, die Kontrolle der Behörden zu umgehen. Viele Engadiner sahen im Schmuggel eine Chance, ihre Familien zu ernähren und sich gegen staatliche Restriktionen zu wehren.

Methoden und Routen

Die Schmuggler nutzten eine Vielzahl von Techniken, um ihre Waren sicher über die Grenze zu bringen. Zum Beispiel das Tragen der Ware in versteckten Fächern ihrer Kleidung oder in Rucksäcken. Oft wurden kleine Gruppen gebildet, die in engen Abständen liefen, um sich im Falle einer Verfolgung schnell verteilen zu können. Bekannte Schmuggelrouten führten über den Berninapass, das Val Müstair und abgelegene Gebirgspfade, die schwer zugänglich waren. Besonders gefährlich waren Nachtüberquerungen über abgelegene Pässe, bei denen die Schmuggler auf Mondlicht angewiesen waren, um sich zu orientieren. Die Wahl der Route hing von der Jahreszeit und der Präsenz der Grenzwächter ab.

Schmuggel in der Kriegszeit

Während der beiden Weltkriege gewann der Schmuggel im Engadin an Bedeutung. Die kriegsbedingten Versorgungs-Engpässe führten dazu, dass viele Güter, insbesondere Nahrungsmittel, nur noch schwer erhältlich waren. In dieser Zeit wurde das Engadin zu einer bedeutenden Route für Schmuggler, die versuchten, Waren von der Schweiz nach Italien oder umgekehrt zu transportieren. Zudem unterstützten viele Schmuggler Flüchtlinge, indem sie sie über geheime Pfade in sichere Gebiete brachten. Die Behörden verstärkten ihre Kontrollen, dennoch fanden Schmuggler immer wieder kreative Wege, um Grenzkontrollen zu umgehen.

Schmuggelwaren

Über die Jahrhunderte hinweg änderten sich die geschmuggelten Waren je nach wirtschaftlicher und politischer Lage. Während im 18. und 19. Jahrhundert vor allem Salz, Zucker und Getreide zu den Hauptgütern gehörten, wurden später Luxusartikel wie Kaffee, Tabak, Alkohol und Parfüm immer wichtiger. Während des Zweiten Weltkriegs konzentrierte sich der Schmuggel zunehmend auf dringend benötigte Lebensmittel, Medikamente und Kleidung. Nach dem Krieg gewannen neue Produkte an Bedeutung, vor allem hochbesteuerte Waren wie Zigaretten oder Schnaps.

Kaffee-Schmuggel

Der Schmuggel von Kaffee spielte im 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle in den Grenzregionen der Schweiz und Italien, insbesondere im Puschlav. Hier florierte der Handel mit Kaffee, der in zahlreichen Röstereien von Brusio verarbeitet wurde. Da Kaffee in Italien stark besteuert wurde, entwickelte sich Brusio zu einem Zentrum des illegalen Kaffeehandels. Die Ware wurde in Jutesäcken verpackt und auf gewagten Wegen transportiert. Oft übernahmen italienische Schmuggler den Kaffee an geheimen Übergabepunkten, um ihn weiter ins Veltlin zu bringen. In der Schweiz war der Export von Kaffee völlig legal und wurde unter dem Begriff „Export zwei“ geführt. Der intensive Kaffeeduft aus den Röstereien Brusios wurde zum Sinnbild eines wirtschaftlich florierenden, aber inoffiziellen Handelszweiges.

Tabak-Schmuggel

Der Schmuggel von Tabak war Jahrzehnte lang eine wichtige Schattenwirtschaft in den Grenzregionen Graubündens. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert nutzten Schmuggler die unübersichtlichen Alpenpässe, um grosse Mengen Tabak illegal nach Italien oder in die Schweiz zu bringen. Um die Behörden zu täuschen, erfanden sie immer neue Tricks: Zum Beispiel das Verstecken von Tabak in ausgehöhlten Käselaiben. Der Schmuggel war so lukrativ, dass auch Bestechungen von Grenzwächtern nicht unüblich waren. In der Schweiz profitierte sogar die Altersvorsorge von diesem Handel, denn ein Teil der Einnahmen aus der Tabaksteuer floss direkt in die AHV-Kasse.

Fleisch-Schmuggel

Der Fleischschmuggel war in Graubünden insbesondere im 20. Jahrhundert ein lukratives Geschäft. Während Fleisch in Italien oft günstiger war, führten hohe Schweizer Zölle zu starken Preisunterschieden, welche den illegalen Transport über die Grenze besonders attraktiv machten. Doch Fleisch war eine schwierige Ware, da es schnell transportiert werden musste, bevor es verdarb. Besonders hochwertiges Fleisch wie Filets oder Steaks war beliebt, da es hohe Gewinnmargen versprach. Neben den Schmugglern selbst profitierten auch Metzgereien, Restaurants und private Haushalte von der illegalen Ware, die oft günstiger war als offiziell importiertes Fleisch.

Rückgang des Schmuggels

Die Rolle der Grenzwächter

Mit dem wachsenden Schmuggel nahm auch der Einsatz von Grenzwächtern zu. Bereits im 19. Jahrhundert wurden Patrouillen entlang der Grenzen verstärkt, um den illegalen Handel einzudämmen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Kontrollen weiter verschärft, und es kam häufiger zu Konfrontationen zwischen Schmugglern und Behörden. Einige Schmuggler entwickelten regelrechte Katz-und-Maus-Taktiken, um den Grenzwächtern zu entkommen. Es gab jedoch auch Fälle, in denen Grenzwächter mit Schmugglern zusammenarbeiteten, sei es aus Sympathie oder finanziellen Interessen.

Ende des traditionellen Schmuggels

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit und der schrittweisen Öffnung der Grenzen verlor der traditionelle Schmuggel an Bedeutung. Verbesserte Infrastruktur, sinkende Zölle und stärkere internationale Zusammenarbeit führten dazu, dass viele Schmuggelrouten ungenutzt blieben. Zudem wurden die Strafen für Schmuggel verschärft, was das Risiko für viele nicht mehr lohnenswert machte. Die einst gefährlichen Schmugglerpfade sind heute oft Wanderwege, die Touristen auf den Spuren der Vergangenheit begehen können.

Persönlicher Bezug zum Thema

Mein Vater wuchs in St. Moritz auf, einem Ort, der neben seinem Tourismus auch eine bewegte Vergangenheit im Zusammenhang mit dem Schmuggel an der italienischen Grenze aufweist. Während vieler Besuche bei meiner Grossmutter, die noch heute im Engadin lebt, unternahmen wir regelmässig Wanderungen in der Region. Dabei stiess ich immer wieder auf Spuren dieser historischen Epoche: alte Steinhütten, die einst als Verstecke dienten und abgelegene Pfade, die von Schmugglern genutzt wurden. Als ich dann noch zufälligerweise auf einen Podcast zum Thema Schmuggel im Puschlav stiess, habe ich mich dazu entschieden, dies als Thema für den Geschichtsauftrag zu wählen.

Quellenverzeichnis

BASS, N. (2022). Der Schmuggel ins Veltlin war enorm lukrativ. Engadiner Post. Online verfügbar unter

Engadin Tourismus. (2018). Engadin Tourguide. Online verfügbar unter

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ERSTELLT VON
Timo Bänziger