Wütend brüllt der Riese Finn McCool Beleidigungen quer über den Ozean und wirft schwarze Basaltsteine in Richtung seines schottischen Kontrahenten. Den so entstandenen Weg über das Meer nutzt der Schotte, um dem Nordiren den Garaus zu machen. McCools Frau versteckt ihn in der Wiege ihres Babys. Als der Schotte das riesige Kind erblickt und die gigantischen Ausmaße des Vaters erahnt, flüchtet er und reißt den Weg der Riesen wieder ein. Übrig geblieben sind 40.000 Steine auf irischer – und 5.000 auf schottischer Seite.
Wenn Francis Higgins vom Streit der Riesen erzählt, klingt es plausibel. Genau so muss der Giant’s Causeway entstanden sein. Die UNESCO-Welterbestätte lockt jährlich hunderttausende Menschen nach Nordirland. Und so tummeln sich unzählige Winzlinge auf den zum Teil sechseckigen Basaltsteinen, die säuberlich zu hohen Türmen aufgestapelt zu sein scheinen. Vor 60 Millionen Jahren sind sie durch Eiszeiten und die abgekühlte Lava von Vulkanen entstanden. „Das ist die Geschichte, die sich die Geologen zurechtgelegt haben“, sagt Storyteller Francis Higgins und lacht. „Aber die Geschichte der Riesen zieht die Menschen mehr in ihren Bann.“
Der letzte Bewahrer der irischen Leprechauns
Am Fuße des Cooley Mountain, der der Sage nach der schlafende Riese Finn McCool ist, thront Kevin Woods auf einem hölzernen Sessel in seinem Fabel-Raum. Die Wände sind bunt bemalt mit Bildern von Leprechauns, den irischen Kobolden in grüner Kluft, und Feen. Ein winziger Ritter reitet auf einer Biene, dazwischen Einhörner.
Die Zuhörer sitzen auf klitzekleinen Stühlchen. Keine Kinder. Erwachsene, die Kevin Woods’ Erzählungen gespannt lauschen: „Ich sah drei Leprechauns auf einem Stein sitzen und quatschen. Ich konnte mich nicht mehr bewegen.“ Schnell seien sie wieder verschwunden. „Meine Frau sagte, ich solle es keinem erzählen“, berichtet er lachend. „Ich erzählte es jedem. Aber niemand glaubte mir.“
Aber bei seinem nächsten Besuch auf dem Cooley Mountain habe er mit einem Leprechaun reden können. „Ich habe die Gabe, mit ihnen zu sprechen. Jederzeit. Überall.“ Er grinst. Das verschmitzte Grinsen eines 82-jährigen Lausbubs. Kevin Woods ist der letzte Leprechaun-Flüsterer Irlands.
Seine Aufgabe sei es, die verbliebenen 236 Leprechauns Irlands zu schützen. Und so muss man sich vorstellen, dass 24 Vertreter der EU auf ebenjenen winzigen Stühlchen in diesem kunterbunten, fabelhaften Raum im Jahr 2009 Platz nahmen. So will es Woods geschafft haben, dass Leprechauns – die im Übrigen ungern als Kobolde bezeichnet werden, – in die European Habitants Directive, die Flora, Fauna und wilde Tiere schützt, aufgenommen wurden. Ob die irischen Leprechauns tatsächlich als geschützte Art auf der Liste stehen? Der ältere Herr klingt sehr überzeugend, aber zu finden sind sie darauf nicht direkt …
Wer vor seinem Haus in Carlingford die Straße entlangfährt, wird von einem Schild aufgefordert, abzubremsen: Igel, Kinder, Frösche und Leprechauns könnten queren. Kein Wunder. Gegenüber befindet sich die Fortsetzung des Fabel-Reichs: Ein Garten direkt am Meer, in dem Einhörner grasen und eine geheimnisvolle Tür in den Untergrund führt.
Kevin Woods ruckelt an dieser Tür. Sie scheint zu klemmen, weil etwas – oder jemand – auf der anderen Seite sie versperrt. „Sch, sch, geh weg!“, ruft Woods und drückt die moosbewachsene Tür auf. Ein Tunnel führt in eine Höhle, in der das Wasser aus Brunnen plätschert und das Licht bunt-schummrig leuchtet. Hier endet der unterirdische Gang, der die Leprechauns vom Cooley Mountain zu Woods Haus bringt. Und hier führt er mit den Besuchern das Ritual durch, das seinen Nachfolger bestimmen soll. „Wenn du den Test bestehst, kannst du Fiddel, Flöte, Harfe, Dudelsack spielen, hast Zugang zum Gold unter dem Berg und kannst jederzeit mit Leprechauns sprechen“, erklärt Woods. So wie er, der letzte Leprechaun-Flüsterer Irlands.
Geschichten können die Welt verändern
An Leprechauns glaubt Liz Weir nicht. Aber einen Fairy Tree, einen Weißdorn, würde sie niemals schneiden. „Wir Iren sind alle abergläubig“, erzählt die 74-Jährige. So abergläubig, dass 1999 sogar die Autobahn M18 bei Limerick wegen eines Weißdorns umgeplant wurde und nun ein Umweg von 25 Kilometern in Kauf genommen wird. Der Legende nach leben Feen in den Wurzeln des Weißdorns. Schneidet man seine Zweige, werden die Feen sauer – und Unglücke suchen die Familie heim.
Raum 1625. Das Turmzimmer im Ballygally Castle Hotel, in dem sich niemand traut, zu übernachten. Es spukt dort. Isabella spukt dort. Sie wurde von ihrem Mann eingesperrt, weil sie ihm keinen Sohn schenkte. Eine enge Wendeltreppe aus Stein führt hinauf in den spärlich eingerichteten Raum. Liz Weir setzt sich neben das bescheidene Metallbett. Geister sind für sie normal. „Man kann ihre Präsenz fühlen. Geister müssen nicht beängstigend sein, sie können auch beschützen.“
Die Geschichtenerzählerin liebt es, Bilder in den Augen ihrer Zuhörer zu erzeugen. „Teilt Geschichten, sie sind so wichtig! Geschichten können Barrieren überwinden: Sprache, Kultur, Alter … Sie können Menschen zusammenbringen.“ Die ältere Dame betont – sogar auf Deutsch –, dass sie keine Märchentante ist. „Storytelling ist mehr als Entertainment. Es kann die Welt verändern.“ Welche Geschichten sie erzählt, entscheidet sie spontan, wenn sie ihr Publikum sieht. Stoff hat sie genug. Irland und Nordirland sind voller Mythen und Legenden, voller Fabel-Wesen und Geister.
„Jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Jeder Stein, jedes Gebäude.“ Das bringt sie schon den Jüngsten bei in ihren Kursen in Schulen. Diese dabei entstandenen Geschichten sind so gut, dass selbst Liz Weir, deren Fundus niemals ausgeschöpft zu sein scheint, sie ihren Zuhörern weitererzählt.
Wo Soldaten durch die Burg spuken
Von der Storytellerin profitieren auch die Guides im Carrickfergus Castle. Sie bringt ihnen bei, Geschichten zu erzählen, statt nur Fakten herunterzuleiern. Und so erzählt George McGrann nicht nur, dass die Burg an der Belfast-Bucht zum Schutze der Stadt erbaut wurde. 1177, als die Normannen in England siedelten und nach Irland gerufen wurden. In der jüngeren Vergangenheit bis 1928 wurde das Carrickfergus Castle wegen seiner dicken Mauern auch für militärische Zwecke gebraucht.
So viel zu den Fakten. Der Guide berichtet auch von paranormalen Aktivitäten innerhalb der Burgmauern: Dinge bewegen sich, Kissen sind eingedrückt, kopflose Menschen geistern umher. Letztere sogar am helllichten Tag. Eine hochauflösende Fotoaufnahme soll das beweisen. George McGrann erzählt, dass während des Lockdowns Erosionen im Mauerwerk festgehalten wurden. Er hält zwei Fotografien hoch. Wo erst am Ende der Treppe Leere herrscht, steht auf dem zweiten Bild eine verschwommene kopflose Gestalt. Ein Geist? Einen Schauer auf dem Rücken provoziert er allemal.
Auch die junge Frau, die im Shop arbeitet, erzählt davon, dass morgens Bücher auf dem Boden verstreut liegen würden. An mehreren Tagen in der Woche. Und einmal stand sie im Shop, das Carrickfergus Castle war noch geschlossen. Da lief ein roter Soldat quer über den Burghof. „Das war ein Mensch, er war nicht durchsichtig. Er war definitiv ein Soldat“, schwört Sophie Hawthorne. Angst hat sie davor nicht. Im Übrigen bedeutet ihr Nachname: Weißdorn… „Ich mag die Aktivitäten, sie sind ein Stück der Geschichte.“
Ob sie wahr ist? Ob es Leprechauns gibt? Und ein Fluch denjenigen ereilt, der einen Weißdorn schneidet? Ob Riesen den Giant’s Causeway gebaut haben? Liz Weir sagt: „Lass Fakten niemals einer guten Geschichte im Weg stehen.“ Und gute Geschichten gibt es in Irland und Nordirland reichlich. Man muss ihnen nur lauschen.
Text: Jessica Blank Bilder: Jessica Blank, Tourism Ireland Content Pool/Chris Hill Photographic