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ISABELLE ROTH Augenblick & Ewigzeit

Isabelle Roth

Augenblick & Ewigzeit

Jedes einzelne Bild von Isabelle Roth ist wie der Anfang einer Geschichte, eine Einladung der Malerin an den Betrachter, in den Bildraum einzutreten und dort einen Augenblick oder für die „Ewigzeit“ zu verweilen, um diese Geschichte selbst weiter zu erzählen. In den Bildern von Isabelle Roth herrscht eine eigene Ordnung der Dinge. Sie sind Freiraum und Erinnerungsraum, Zuflucht und Sehnsuchtsort, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig. Es ist jedoch keineswegs so, dass die Malerei von Isabelle Roth nichts mit der Realität zu tun hat. Ganz im Gegenteil: Oft sind es ganz konkrete Notwendigkeiten des Alltags, die den Anlass für ein Bild geben. Manchmal aber ist es der Wunsch, aus eben diesen Notwendigkeiten auszubrechen. Und manchmal sind es auch Nachrichten von Krieg, Not und Umweltzerstörung, die in die gleichsam abgeschlossene Welt des Ateliers eindringen und hier zum Guten gewendet werden, ohne sie zu banalisieren.

Der Prozess des Malens beginnt für Isabelle Roth oft mit einer Notiz auf der weißen Leinwand, mit einem Satz, über den sie nachdenkt, mit ein paar Ziffern oder auch mit einfachen Lineaturen und verschiedenfarbigen Flächen. Es sind Fragen der Malerin an sich selbst, auf die sie erst nach und nach die Antworten finden wird. Das Bild und seine Geschichte entwickeln sich Strich für Strich, Fläche für Fläche während des Malens. Figuren, Möbel und Gegenstände tauchen auf und verschwinden wieder. Meistens bleiben sie wie eine blasse Erinnerung unter milchigen Farbschichten trotzdem sichtbar. Die großformatigen Bilder von Isabelle Roth entstehen im Grenzland zwischen Malerei und Zeichnung. Sie sind bis zuletzt in Bewegung und verändern sich immer wieder, das Prozesshafte selbst ist ihr Thema. Manchmal werden sie auch nach Jahren noch einmal komplett überarbeitet. Ihr Geheimnis liegt in der scheinbaren Gleichzeitigkeit verschiedener Stadien ihrer Entstehung. Am Ende aber bekommt das, was Bestand hat und wichtig ist, nicht selten eine sehr entschiedene schwarze Kontur.

Die Bilder von Isabelle Roth haben riesige Formate. Fast immer ist die Protagonistin dieser Bilder eine schlanke dunkelhaarige Frauenfigur, die der Malerin selbst zum Verwechseln ähnlich sieht und stets in Lebensgröße dargestellt wird. Sie ist es, die Blumen in den Vasen verteilt und einen großen grauen Teppich auf dem Boden ausgerollt hat, den sie nun, auf einem Bänkchen am Bildrand sitzend und den Kopf in den Arm gestützt, zufrieden betrachtet. Zu ihren Füßen hat sich ein weißer Hund niedergelassen. Auch er ist zufrieden, weil er seiner Herrin nah sein darf, und zufrieden, weil der Teppich weich und warm ist. Das wichtigste in diesem Bild aber ist der Teppich, dessen Grau nicht einfach grau ist, sondern ein subtiles Farbspiel aus Zwischentönen, mattem Rosé, lichtem Blaugrau und verwaschenem Irgendwas, zum Leuchten gebracht von einem gelben Sonnenstrahl. Dieser Teppich ist so lang und so schön, dass er für sein einladend weiches Grau unbedingt eine zweite Leinwand gebraucht hat.

Hier ist es der Teppich, dort ist es ein fast formatfüllender Wandbehang, der aus roten Pinselstrichen sorgfältig gewebt wurde und nun vor einer türkisgrünen Fläche präsentiert wird, die Frauenfigur wieder am Bildrand positioniert. Manchmal aber wird diese Frauenfigur selbst zur Akteurin: Etwa, wenn sie den Tisch für Gäste gedeckt oder Lampions für ein Sommerfest aufgehängt hat. Wenn sie zur Trompete greift oder Gitarre spielt oder trommelt und die Blumen in den Vasen zum Takt der Musik mit den Köpfchen nicken lässt. Oder wenn sie an sonnigen Tagen das Ruderboot aus dem Schuppen holt und sich – ganz allein – eine Auszeit von ihrem Leben nimmt. Mal lockt die Frau in diesen tagtraumartigen Bildern eine Katze ins Zimmer und mal eine Eule, die sich dann auf ihrer Schulter niederlässt. Mal sind es die vielen runden Bohnen in einer Schüssel auf dem Tisch, mal ist es das Segel, das im Wind flattert, und mal sind es die Streifen in einem luftigen Sommerkleid, denen die Malerin ihre besondere Aufmerksamkeit schenkt. Nicht selten aber sind es gerade die Leerstellen, die verstörend und tröstlich zugleich sind und den Reiz eines Bildes ausmachen: Der lange Teppich. Die freie Fläche, die allein für die Klänge der Trompete reserviert ist. Der leere Stuhl neben dem gedeckten Tisch. Das Zimmer, in dem die Gedanken in der Luft hängen.

Es wird eben nur der Anfang einer möglichen Geschichte erzählt. Oder das Ende, wenn alles gerade noch einmal gut gegangen sein wird. Dazwischen liegen „Augenblick und Ewigzeit“. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begegnen sich in diesen Bildern, in denen eine ganz eigene Ordnung der Dinge herrscht. Und wenn man sich auf eine genauere Betrachtung einlassen will, dann wird man feststellen, dass diese eigene Ordnung der Dinge auch für das Atelier und für die Wohnung der Malerin, ja sogar für ihren Garten gilt. Dieser Garten befindet sich übrigens am Ende der Welt. Oder besser gesagt: direkt hinter dem Geltinger Gewerbegebiet.

Isabelle Roth wurde 1969 in Zürich geboren. Sie absolvierte eine Tanzausbildung an der Colombo Dance Factory in Zürich, besuchte die Scuola Teatro Dimitri im Tessin und studierte schließlich von 1995 bis 2000 an der Akademie der Bildenden Künste in München Bildhauerei – um dann aber Malerin zu werden. Ihre Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen in Deutschland und in der Schweiz zu sehen. Seit 2015 lebt und arbeitet Isabelle Roth mit ihrem Mann Georg Schwellensattl, der ebenfalls Künstler ist, in einem Atelierhaus in Gelting bei Wolfratshausen. Der Weg dorthin führt vorbei an Autohändlern, Baufirmen und rund um einen schnöden Kreisverkehr. Schließlich biegt man zwischen zwei geradezu futuristisch anmutenden Industriegebäuden scharf links ab und fährt eine sehr lange Einfahrt bis ganz nach hinten. Wenn man meint, es geht nicht mehr weiter, dann steht man, ganz wie Alice im Wunderland, vor dem „Kaninchenloch“: Man steigt durch ein hölzernes Treppenhaus hinauf – und schon ist man da.

Völlig überraschend öffnet sich ein Garten weit in die Landschaft zwischen Isar und Loisach. Im Rücken die zu jeder Jahreszeit von der Sonne erwärmte Holzwand des Hauses, blickt man nach Süden auf Wiesen, Wälder und an klaren Tagen bis in die Berge. Zwischen einem Gewächshaus auf der einen Seite und einem überdachten Sitzplatz auf der anderen liegt das Reich von Isabelle Roth, in dem sie mit leichter Hand regiert. Eines Tages gräbt sie ein großes Loch im Garten, legt ein paar schöne Steine hinein – und ein Teich ist entstanden. Sie steckt ein Stöckchen in die Erde und schon wächst daraus ein Baum. Aus einem abgebrochenen Zweiglein wird ein Rosenstock. Die Stämme der Apfelbäume bestreicht sie mit einem Zaubertrank aus getrockneten Kuhfladen und Kalk. Ansonsten, so scheint es, lässt sie den Dingen einfach ihren Lauf. Sie legt im Frühjahr ein paar Samen von einer besonders wohlschmeckenden Tomate in einen Topf und freut sich im Sommer über die reiche Ernte. Ein Wink von ihr, schon ranken sich Glyzinien und Wilder Wein in schwindelnde Höhen hinauf, die Küchenkräuter in den Beeten recken sich artig und die Salatköpfe sind so rund, als wären sie gemalt.

Gleich neben dem hellen Atelier von Isabelle Roth befindet sich die Druckwerkstatt von Georg Schwellensattl. Er ist vor allem für seine feingliedrigen Holzschnitte bekannt, die unter anderem als Illustrationen Verwendung finden. Die raumhohen Regale für seine schönen Papiere und überhaupt fast alles, was im und um das Haus aus Holz ist, hat er selbst gebaut. Über eine weitere Treppe gelangt man nach oben in eine luftige Wohnung, die sparsam mit alten Möbeln und Fundstücken vom Flohmarkt möbliert ist: Es sind die schlanken Stühle und Tische, die Schalen, Vasen und Krüge, die sich auch in den Stilleben und Interieurs von Isabelle Roth wiederfinden. Man kann sich gut vorstellen, dass auch die Malerin selbst auf einem Bänkchen vor dem Haus in der Sonne saß und den Krokussen beim Wachsen zusah, bevor sie das Bild mit dem Titel „Anfang März“ malte. In den gemalten Vasen in ihren Bildern sind die Blumen aus ihrem eigenen Garten zu sehen und in den großen Schüsseln die Früchte, die sie dort geerntet hat.

Was haben dieses Haus und der Garten mit der Malerei von Isabelle Roth zu tun? Ganz einfach: Auch in ihrem Atelier lässt die Künstlerin den Dingen ihren Lauf. Eine heitere Gelassenheit ist in jedem ihrer Bilder zu spüren. „Augenblick und Ewigzeit“, Haus und Garten, Atelier und Malerei gehören untrennbar zusammen. Hier wie dort herrscht eine ganz eigene Ordnung der Dinge: Jedes dieser Bilder ist eine Einladung, eine freundliche Erweiterung der Realität. Auch in unseren zerrissenen Zeiten genügt ein einziger Schritt hinüber – und wir sind selbst inmitten in dieser wundersamen Welt voller Poesie.

Katja Sebald

Dank

Bedanke mich herzlich bei Katja Sebald für ihren sensiblen, einfühlsamen Textbeitrag und bei Paulo Mulatinho für die einprägsame digitale Präsentation.

Die Ausstellung ist vom 18./19. März bis 22. April 2023 zu den Öffnungszeiten der Galerie zu besuchen. Selbstverständlich unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften aus Anlass der COVID-19 Pandemie.

Sollten Sie den Wunsch haben, einen Einzeltermin außerhalb der Öffnungszeiten zu erhalten, bitten wir um telefonische Anmeldung.

galerie 13 - fritz dettenhofer