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Wenn der Kreis sich schliesst FEG Persönlich - Dolly Patt

Es ist Nachmittag, die Delegiertenkonferenz der FEG Schweiz in Emmen ist in vollem Gange. Die über 100 Teilnehmenden werden mit Informationen gefüttert, es ist warm und der Kampf gegen die Müdigkeit beginnt. Bis Dolly Patt die Bühne betritt und über die Arbeit von Vision Global in Indien berichtet. Plötzlich sind alle da. Wer ist diese Frau? Ich weiss nur, dass sie die Frau von Lucas Patt ist, dem Finanzchef der FEG. Aber wie haben sie sich gefunden? Wie kommt eine Frau aus Indien in die Schweiz? Später im FEG-Büro in Pfäffikon erzählt mir Dolly ihr bewegtes Leben.

Harry Pepelnar, pepelnar@gmail.com

Kein Geld fürs Essen

Mitten in Indien, im Bundesstaat Madhya Pradesh, wird Dolly 1970 geboren. Ihre Mutter ist eine überzeugte Christin. Dollys Urgrossvater ist in Südindien durch englische Missionare zum Glauben gekommen und dieser Glaube ist bis heute in der Familie geblieben. «Wir haben viel Bewahrung erlebt. Wir sind in der vierten Generation Christen. Aber damals waren wir arme Leute. Es gab Zeiten, da hatten wir nicht einmal Geld fürs Essen.» Ihr Vater hat eine Kerzenfabrik aufgebaut und so geht es der Familie langsam besser. Dolly will nicht schlecht über ihren Vater reden, aber ich entnehme ihren Erzählungen, dass er kein praktizierender Christ ist, was sich später auch herausstellt.

Auf nach Amerika

Die Eltern und die Brüder des Vaters wandern nacheinander nach Amerika aus. «Mein Vater konnte in Indien nicht ohne seine Familie leben». Und so besorgt er sich die nötigen Papiere, fliegt voraus und wenig später folgt ihm auch die Mutter, aber noch nicht die Kinder. «Ich musste ein Jahr in einem Internat leben, das war eine schwierige Zeit. Meine Grossmutter hat mir sehr geholfen.»

Kulturelle Unterschiede

In Indien schlafen alle in einem Raum. Nicht so in Nebraska. Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer. Dolly fragt sich: «Warum kann der Gott von Amerika nicht auch der Gott von Indien sein? Dann hätten sie es viel besser.» Dolly und ihre Geschwister leben sich schnell ein, nur mit dem amerikanischen Essen haben sie Probleme. «Mein Bruder konnte in der Schule nichts essen, und mir wurde immer schlecht davon.» Sie besuchen eine kleine Brüdergemeinde und die Eltern schicken die Kinder in verschiedene Ferienlager. In einer Kinderwoche entscheidet sich Dolly für ein Leben mit Jesus und lässt sich mit 13 Jahren taufen. Der Vater baut einen Geschenkverkauf auf, in dem die Kinder täglich nach der Schule mithelfen müssen. «Ich hätte mich nie getraut, nein zu sagen», sagt Dolly. Doch dann kommt eine schwere Zeit auf die Familie zu. Der Vater will plötzlich eine andere Frau aus Indien nachholen. Die Ehe der Eltern zerbricht und sie kämpfen wieder mit der Armut. Dollys Mutter trägt viel und hält die Familie nahe bei Jesus. Für Dolly steht fest: «Ich werde nie einen Inder heiraten.»

Ein Schweizer in Nebraska

Dolly entdeckt ihr Interesse an den Naturwissenschaften und beginnt ein Biologiestudium an der Universität. Sie ist 18 Jahre alt. Auf dem gleichen Campus studiert Lucas Patt Wirtschaft. In der Gruppe für internationale Studierende trifft sie ihn zum ersten Mal und Lucas lässt nicht mehr locker. «Unser erstes Date war im Kino und Lucas hat sich so gut um mich gekümmert. Das hat mir sehr imponiert. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden.» Der erste kurze Abstecher in die Schweiz gestaltet sich etwas schwierig. Die zukünftige Schwiegermutter kann sich nur schwer mit dem Gedanken an eine indische Schwiegertochter anfreunden, doch das legt sich nach und nach. «Meine Mutter hat Lucas von Anfang an sehr gemocht. Wäre das nicht so gewesen, hätte ich ihn nicht geheiratet.» Die Hochzeitsglocken läuten 1993 in Nebraska, nur eine Woche später leben sie in Cazis, Graubünden. «Zuerst wollte ich gar nicht Deutsch lernen, aber dann habe ich einen Kurs in der FEG Chur besucht und dort sind wir auch in die Gemeinde gegangen.»

Der grosse Zusammenbruch

Bis 2001 läuft es in der Schweiz ganz gut, doch die Sehnsucht nach der Mutter wird immer grösser, und so zieht die junge Familie zurück nach Colorado. Dort schliesst sie sich einer Baptistengemeinde an. Um dort Mitglied zu werden, muss man einen Glaubenskurs besuchen. In diesem Kurs erkennt Lucas zum ersten Mal wirklich, was Jesus für ihn getan hat und bekehrt sich. «Lucas ist immer mitgegangen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er nicht wirklich gläubig ist.» Und noch etwas kommt segensreich, aber auch schwierig ans Licht: Er ist spielsüchtig. «Auf unserem Konto fehlte immer Geld, und ich wusste lange nicht, warum.» Die Bekehrung von Lucas ist für Dolly ein grosses Geschenk, aber danach geht alles den Bach runter. Im Jahr 2004 steht die Familie vor dem Ruin. Sie beschliessen, mit ihren inzwischen vier Kindern in die Schweiz zurückzukehren. «Armut kannte ich schon. Jetzt hatten wir wieder nichts, aber Gott hat uns so gut versorgt. Die Leute haben uns Möbel usw. geschenkt und Gott hat uns die Möglichkeit gegeben, neu anzufangen.»

Dolly und Lucas Patt an der DK in Emmen
Der Kreis schliesst sich

Inzwischen wohnt die Familie im Appenzellerland und sie sind Mitglieder der FEG Gais. Lucas wird in den Vorstand der FEG Schweiz gewählt. Im Jahr 2018 findet das internationale Treffen aller FEG’s der Welt in Indien statt. Lucas und Dolly werden eingeladen und es kommt zu einer Begegnung mit einem indischen Pastor, der sich Sorgen um die Entwicklung in Indien macht. Die Unterstützung aus verschiedenen Ländern ist zusammengebrochen und die indischen Christen brauchen dringend Hilfe von aussen.

«Mein Herz war sehr berührt und ich erinnerte mich daran, wie ich als junges Mädchen dachte, warum der Gott aus Amerika nicht nach Indien geht.»

Es war ein Schlüsselmoment, und daraus entstand die Unterstützung durch die FEG Schweiz. Jetzt schliesst sich der Kreis und mir wird klar, warum Dollys Anliegen in der DK so viel Resonanz gefunden hat: Hier hat Gott grosse Geschichte geschrieben.