Reden wir zu viel von der Liebe Gottes?

«Liebe Mutti, ich wünsche mir und bete dafür, dass du eines Tages genauso von der Liebe Gottes erfasst wirst, wie ich es erlebt habe.» So beginnt die Widmung in einer abgenutzten Bibel, die mir eine 91-jährige Frau freudestrahlend entgegenhält. Der Wunsch und die Gebete ihres Sohnes wurden erfüllt.
Daniel Rath, Vorsitzender FEG Schweiz, daniel.rath@feg.ch

Motiviert von der Liebe Gottes

Ihr Sohn war einst ein Problemkind und schwer drogenabhängig. Durch das Evangelium und die persönliche Erfahrung der Liebe Gottes wurde sein Leben grundlegend verändert. Diese konkrete Erfahrung der Liebe Gottes motivierte ihn zum Zeugnis und zum Gebet für seine eigene Familie und darüber hinaus. Das aktuelle FEG-Motto «Kirche für Andere – geliebt, gehen, lieben» beginnt bewusst mit dem Aspekt des Geliebtseins. Wir träumen von einer Missionsbewegung, die von der persönlichen Erfahrung der Liebe Gottes angetrieben ist (2 Kor 5,14) und nicht von Angst, Druck oder Erfolgsstreben.

Nicht zu viel, eher zu oberflächlich

Der schwedische evangelische Theologe Anders Nygren hat den Versuch unternommen, den Kontrast der Agape-Liebe Gottes zur philosophisch-religiösen Liebeskonzeption der Antike aufzuzeigen (Nygren, Anders: Eros und Agape. Gestaltwandlungen der christlichen Liebe, Gütersloh 1930/1937). Er beschreibt die in Jesus Christus offenbarte Liebe als Kern des christlichen Glaubens und im Verhältnis zur geistesgeschichtlichen Umwelt als völlig neuartige Grundkonzeption. Dabei tritt die Einzigartigkeit dieser Liebe darin zutage, dass sie sich in völlig unverdienter Weise dem Sünder, den Nichtwürdigen, zuwendet. Das musste fast zwingend den Widerspruch sowohl des gesetzlichen Judentums als auch der Selbsterlösungs-Philosophie der Antike hervorrufen. Denn im Gegensatz zum egozentrischen Grundmotiv religiöser Suche, das darauf ausgerichtet ist, durch eigenes Tun bzw. Lieben etwas für sich zu gewinnen, setzt das Evangelium Gott als den «Zuerst-Liebenden» sowohl ins Zentrum als auch zum Ziel des Glaubens. Die Agape ist durch und durch theozentrisch.

Liebe ist…

Die Botschaft lautet: Gott liebt uns, weil er Liebe ist und Gemeinschaft mit uns sucht und dem kann unsererseits nichts heilswirkendes hinzugefügt werden. Das bedeutet erstens, diese Liebe ist spontan und unmotiviert, sie braucht keinen Anlass der Motivation ausserhalb ihrer selbst. Jeder der das heilige Erschrecken über seine Errettung, dieses «Jesus, warum gerade ich?», erfahren hat, weiss, wovon hier die Rede ist. Wer dagegen die Gründe für die Liebe Gottes bei sich selbst findet, der hat die Agape noch nicht einmal im Ansatz verstanden. Denn Agape ist zweitens wertindifferent. Das bedeutet laut Nygren, «erst wenn jeder Gedanke an den Wert des Gegenstandes ausgemerzt wird, weiss man, was Agape ist.» Das führt direkt zur dritten Eigenschaft der Liebe Gottes: sie ist schöpferisch. «Was an sich keinen Wert hat, erhält Wert gerade dadurch das es Gegenstand der göttlichen Liebe wird (…). Die Sündenvergebung ist eine schöpferische göttliche Machttat.» Es war die persönliche Erfahrung genau dieser radikalen Liebe, die das Leben des oben erwähnten jungen Mannes veränderte und ihn motivierte diese Liebe mit anderen zu teilen.

Alles Liebe? – wo bleibt das Gericht?

Der Schlüssel zu dieser Veränderung liegt in der Antwort auf die Liebe Gottes. Agape ist viertens beziehungsstiftend und zielt auf die Gemeinschaft mit Gott. Ihre volle Wirkung entfaltet sie erst dann, wenn wir uns auf sie einlassen. Die einzig angemessene Antwort auf die Agape ist unsere vertrauensvolle Hingabe an Gott – nicht als Leistung, sondern als Umarmung dessen, was Gott uns in Christus schenkt, nämlich sich selbst. Nygren hält fest: «Gerade weil Agape ein völlig rücksichtsloses Geben ist, fordert sie auch uneingeschränkte Hingabe» und wird «zugleich ein vernichtendes Gericht des selbstischen Lebens (…). Vor der göttlichen Agape entscheidet sich letzten Endes das Schicksal des Menschen. Es fragt sich, ob er sich gewinnen und umschaffen lässt oder ob er sich dagegenstemmt und ihr nur als Gericht über sein Leben begegnet.» Oder wie Jesus es formulierte: «Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.» (Joh 3,18). Es gibt keine bessere Botschaft für Sünder und zugleich keine grössere Herausforderung zur Entscheidung für oder gegen Gott als die Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus begegnet.

Fazit

Wir können nie genug über die Liebe Gottes reden – sofern wir ihre Radikalität und Tiefe nicht verkennen oder verwässern.