Sich selbst so annehmen, wie Gott uns angenommen hat

Marianne Fankhauser

Ein Sonnenstrahl durchbricht den dichten Nebel, es wird hell auf meinem Schreibtisch. Es ist mir klar, dass die Sonne auch bei Nebel da ist. Sobald ihr Licht aber aufleuchtet, wird die Umgebung hell und sieht anders aus. Ebenso strahlt die Liebe Gottes immer. Er liebt uns Menschen; und weil ER sich nicht ändert, ist dies auch heute so. Gott nimmt uns an, ER nimmt mich an! Kann ich mich selbst auch so annehmen ? Wenn ja, was kann ich dazu beitragen ? Gedanken zu zwei Stichworten.

1. Zeit zum Nach-Denken

Ich beginne beim Nach-Denken. Eine Alltagserfahrung erinnert uns an eine Begebenheit von früher. Man blickt kurz zurück und findet sich in kürzlich oder längst vergangenen, aber ähnlichen Situationen wieder. Überraschend tauchen Gefühle von damals wieder auf. Sich dann Zeit für ein Blitzlicht oder eine längere Betrachtung auf das eigene Leben zu nehmen, bringt Über-Sicht, bringt Ein-Sicht. Man kann sich fragen : Wie war das soziale Umfeld damals, wie waren meine Kindheit und meine Jugend, wie das Erwachsenenleben ? Was konnte ich beeinflussen, was nicht ? Wo habe ich mich aus heutiger Sicht gut, wo falsch entschieden ? Worüber freue ich mich, was bereue ich ? Von wem wurde ich gefördert, wo erfuhr ich Benachteiligung ? Wer ist in schwierigen Zeiten zu mir gestanden ? Wer hat mich beschenkt ? Es ist gut, die Tatsachen meines Werdegangs, meiner Entscheidungen, meines Seins zu benennen.

Sich Zeit für ein Blitzlicht oder eine längere Betrachtung auf das eigene Leben zu nehmen, bringt Über-Sicht, bringt Ein-Sicht.

Hilfreich ist, wenn man über Schweres trauern kann, wenn man Mitleid hat mit dem geplagten Jugendlichen, der zurückgewiesenen Fachfrau von damals – und dabei nicht ins Selbstmitleid sinkt und Lebenskraft verliert. Es ist hilfreich, den Ärger von früher, die Frustration über Ungerechtigkeiten zu formulieren – und sich nicht im Hadern zu verstricken. Fehler anderer und die eigenen dürfen vergeben und losgelassen werden. Für das Gute und Schöne können wir dankbar sein.

Die eigene Geschichte annehmen

Denkt man derart ehrlich über die eigene Lebensgeschichte nach und sagt zu sich : «Ja, so war es, so ist mein Leben ; ich nehme es an», dann ist dies schlicht wohltuend. Ich erlebe, dass dies meistens stückweise geschieht. In Umbruch-Situationen wie Umzug, Berufswechsel, Krankheit, Pensionierung öffnen sich oft längere Fenster zur Vergangenheit ; im Alter hat man dafür besonders Zeit. Wenn man in einer heutigen Situation gleich oder ähnlich reagiert wie in einer früheren Erfahrung, dann versteht uns das heutige Gegenüber nicht und man versteht sich selbst vielleicht auch nicht. Das Verhalten, die Gefühle von damals passen heute nicht mehr. Hier hilft die Ein-Sicht in Vergangenes und dann das Wissen : Ich kann Verhaltensweisen, ich kann Denkmuster, an denen ich nicht mehr festhalten möchte, in kleinen Schritten aktiv verändern.

«Ja, so war es, so ist mein Leben ; ich nehme es an.»

2. Gottes Annahme erfahren

Das zweite Stichwort nenne ich Erfahren. Wenn man sich so lieben will, wie Gott uns liebt, dann wird man sich auf die Liebe Gottes einlassen. Man forscht in der Bibel, hört von Mitchristen, man lernt Gottes Liebe kennen. Jesus stellt uns im Gleichnis vor, wie der Vater seinen heimkehrenden Sohn einfach umarmt (Lukas 15,20). Wenn ich mir vorstelle, dass mich jemand umarmt, obwohl ich in stinkenden, schmutzigen, verlumpten Kleidern auftauche, dann bewegt mich dies. Wie würde es dir gehen ? Der Vater im Gleichnis (Gott als unser Vater) reagiert so : Er freut sich so sehr, dass wir zu Ihm kommen, dass Er falsches Verhalten, negative Charakterzüge, Umwege im Leben gerade nicht anspricht. Sich die Umarmung Gottes an sich selbst vorzustellen, kann erschüttern und tief im Herzen Heilung bewirken. Aus dem Wissen um Gottes Liebe wird eine Erfahrung : Da ist wirklich jemand, der mich annimmt ! Der Theologe Helmut Thielicke formuliert zum Gleichnis über den verlorenen Sohn :

«Wir mögen in unserem Leben verwirtschaftet haben, was wir wollen : vielleicht haben wir unsere Ehe verwirtschaftet, vielleicht unseren guten Ruf, vielleicht haben wir unsern Körper ruiniert … : Gott gibt uns deshalb nicht auf.»

Das Bilderbuch Gottes. Reden über die Gleichnisse Jesu. Quell-Verlag, 1991

Gottes Liebe in unser Herz fliessen lassen

Kannst du dich selbst so umarmen ? Ja, man kann sich die Arme auf die Schulter legen (rechte Hand auf linken Oberarm, linke Hand auf rechten Oberarm) und sich zusprechen : «Gott nimmt mich an, wie ich bin. Ich mache dies auch.» Beim ersten Mal ist dies vermutlich eigenartig. Sich immer wieder wie Maria vor Jesus, vor Gott hinsetzen und Ihm zuhören (Lukas 10,39) hilft, dass ich Ihn kennenlerne, damit Seine Liebe erfahre und dadurch Seine Liebe in mein Herz hineinfliessen lassen kann. Erfahrungen des Angenommenseins schenken uns auch gute, verlässliche Freunde. Zu wissen und zu erfahren, dass man geliebt ist, wie man ist – mit Sonnen- und Schattenseiten – ermöglicht und fördert die Selbstannahme.

Erfahrungen des Angenommenseins schenken uns auch gute, verlässliche Freunde.

Anderen Annahme schenken

Damit lenke ich den Fokus weg von uns selbst. Als Mit-Menschen, Mit-Christen können wir andern diese Annahme schenken. Bemerken wir die unsicheren, besorgten Menschen in unserem Umfeld ? Lassen wir uns von ihrer Einsatzbereitschaft, Tapferkeit oder sogar Show über ihre Selbstzweifel hinwegtäuschen ? Formulieren wir Sätze wie : «Schön, bist du da.» – «Du bist wertvoll !». Ohne menschliches Gegenüber, ohne Zuspruch ist es schwierig, sich selbst so anzunehmen oder zu lieben, wie Gott uns liebt. Und : Es gibt Lebensphasen, dunkle Tage, in denen unsere Selbstannahme auf wackligen Füssen steht. Da sind wir auf ErmutigerInnen, Mittragende, Für-uns-Glaubende und Für-Bittende angewiesen. Gott selbst wirkt an uns durch Seinen Geist. Er schenkt Menschen in dunkle Zeiten hinein einen Lichtstrahl Seiner Liebe. Für dieses Wirken Gottes bin ich unendlich dankbar. Ich bin froh zu wissen, dass ER über innere und äussere Hindernisse hinweg leuchten kann. In einem Text von Robert Seitz verbinden sich Nach-Denken über mich und die Erfahrung von Gottes Liebe :

«Mein Gott, Du aber siehst mein Innerstes und sprichst zu mir : Freue dich, denn dein Name ist im Himmel geschrieben mit Buchstaben der Liebe.»

Spuren deiner Nähe. Gotthelf Verlag, 1991

Nach-Denken über sich. Die eigene Lebensgeschichte annehmen.
Erfahren: Gott nimmt dich an – bedingungslos!
Anderen Annahme schenken, damit sie Gottes Annahme annehmen können.
Marianne Fankhauser (*1958) ist psychosoziale Beraterin, Familienmediatorin und arbeitete mehrere Jahre als Seelsorgerin in einem Alters­zentrum. Sie ist verheiratet, Mutter und Grossmutter. Im aktiven Ruhestand begleitet sie in Aarau weiterhin Menschen. www.fankhausermarianne.ch