Tatsächlich hatte ich sie und ihren Mann vor gut 20 Jahren schon einmal zu einem Church Brunch in Thun eingeladen. An das damalige Thema konnten wir uns beide nicht mehr erinnern. Doch direkt am Anfang des Vorgesprächs stellt sich eine sympathische, gemeinsame Verbindung heraus: Österreich.
Harry Pepelnar, Kommunikation FEG Schweiz und Fan von echten, authentischen Lebensgeschichten wie dieser hier.
Schwieriger Start in Österreich
Ihr Vater, Rudolf, ist einer der Pionier Missionare in Österreich. Ruth wird 1954 in Graz geboren. Gleich nach der Geburt fiel auf, dass sie weder schreien noch richtig saugen konnte. "Aber meine Augen waren hellwach", erzählt sie. Die genaue Diagnose, eine seltene Muskelerkrankung, erfolgte erst viel später. "Ich bin die einizige Frau in der Schweiz mit dieser Krankheit." Rückblickend sagt sie: "Ich hatte immer weniger Kraft, und konnte erst mit drei Jahren laufen. Was war das für eine grosse Freude für meine Familie." Sie wächst in ihrer Familie sehr geborgen und behütet auf.
Nach dem Umzug nach Linz bemerkt Ruth in ihren ersten zehn Lebensjahren kaum, dass sie anders ist – ihre ausgeprägte Lernbegierde steht im Vordergrund. Später wird ihre Andersartigkeit jedoch offensichtlich, vor allem im Schulturnen. Obwohl sie körperlich nicht mithalten kann, muss sie dabei sein und zuschauen. Aber statt darüber zu verbittern, wählt sie bewusst den Weg, sich über die Fähigkeiten der anderen zu freuen.
Da musst du durch
Als Teenager plagen Ruth häufig Ängste vor dem Leben, ausgelöst durch Sagen über böse Geister. Ihr Vater erklärt ihr daraufhin das Evangelium, was sie zu einer eindeutigen Bekehrung bewegt. Mit 14 Jahren beginnt sich ihr Rücken zu verformen, und diese Tatsache erfordert ein Korsett. Dieses Hilfsmittel trägt sie ganze fünf Jahre lang Tag und Nacht, um der Wirbelsäule ein gerades Wachstum zu ermöglichen. Ein lieber Chefarzt einer Klinik in der Schweiz, ermutigte sie mit den Worten: "Da musst du einfach tapfer durch."
Die Lehre in der Schweiz
Ruth kommt mit 17 Jahren in die Schweiz. Sie kann eine 3-jährige KV Lehre in der IV-Berufsberatung absolvieren. Dazu musste sie in einem Heim für behinderte Menschen wohnen. Diese Phase ist äusserst schwierig für sie: Ruth muss ihr behütetes Elternhaus verlassen und fühlt sich unter den Mitbewohnern unwohl. “Es war so gottlos! Was wurde da geflucht!“ Sie sieht so viel Leid und fragt Gott immer wieder, nach dem WARUM? Aber ihr Glaube wird nicht erschüttert. Sie lernt dabei immens viel über die Perspektive von Menschen mit Behinderungen, die Problematik eines schlechten Selbstwertgefühls und die Kraft der Hoffnung, die man mit Jesus mitbringt. Parallel dazu eignet sie sich fundierte Kenntnisse des IV-Systems an. Beide Erfahrungen sind eine Vorbereitung für den Plan, den Gott mit ihr hat. Nach und nach kann sie ihr Korsett ablegen. “Angefangen habe ich mit 5 Minuten pro Tag ohne Korsett, bis ich ohne Korsett leben konnte.” Ruth beendete ihre Ausbildung mit ausgezeichnetem Erfolg.
Er will mich
Ruths Weg führt sie nach einer Anstellung bei einer Bank und einem prägenden Bibel Schuljahr bei den Fackelträgern in England im Jahr 1975 zu einer Jugendtagung auf Chrischona. Dort begegnete sie Ernst. „Wir führten lange, tiefgründige Gespräche, und Ernst war sich noch am selben Abend sicher, dass er mich heiraten möchte", berichtet sie. Sie spricht offen mit ihm über ihre Muskelerkrankung. Gemeinsam beschliessen sie, wegen der hohen Vererbung auf Kinder zu verzichten. Er betont ihr gegenüber: „Ich will in erster Linie keine Kinder mit dir, ich will dich!" Die Heirat mit Ernst erfolgt 1977. „Ernst war die Liebe meines Lebens", bekräftigt sie.
Die Visionärin
Ernst wird Chrischona-Pastor, und Ruth engagiert sich voll und ganz in seiner Arbeit, zuerst im Elsass, später in Hinwil und Zürich. „Wir hatten ein großes Herz und ein offenes Zuhause für Jugendliche", erinnert sie sich. „Das waren unsere „Kinder“, zu denen wir heute noch Kontakt haben."
Als Ernst eine Anstellung beim ERF bekommt, unterstützt Ruth ihn erneut, auch mit Andachten im Radio. 1989 wird sie vor eine neue Aufgabe gestellt. Zu dieser Zeit ruft Joni Eareckson Tada (solltest du sie nicht kennen, unbedingt googeln) Ruths Bruder Samuel Pfeifer an. Joni wollte eine Organisation für und mit Menschen mit Behinderungen in Europa aufbauen und suchte jemanden für die Leitung. Für Ruth’s Bruder war sofort klar, wer dafür prädestiniert war: seine Schwester Ruth. So liefen plötzlich alle Fäden zusammen und ergaben einen tiefen Sinn.
Ruth erzählt weiter: „Bei einem Vortrag von John Wimber, bei dem er sagte, dass alle Krankheiten geheilt werden können, war ich total verunsichert. Dies war ein entscheidender Grund, mich dieser Vision zu öffnen, Menschen, deren Behinderung nicht einfach weg gebetet werden kann, zu begleiten." Ihre Erfahrung mit der eigenen Behinderung trieb sie an, diesen Weg zu gehen.
Glaube und Behinderung
Angespornt von ihrer Vision, macht sich Ruth auf die Suche nach gläubigen Menschen mit Behinderung. Das Echo war überwältigend: Schon zum ersten Treffen, das sich dem Thema Glaube und Behinderung widmet, finden sich 30 Personen ein. Aus ihrer Erfahrung und ihrem Wissen über das IV-System ist Ruth klar, dass diese wichtige Arbeit ein stabiles Fundament braucht. Folgerichtig wird 1991 ein eigener Verein unter dem Schirm der SEA ins Leben gerufen.
Das Kernziel dieses Engagements war es, die Botschaft von Jesus im spezifischen Kontext von Glaube und Behinderung zu verbreiten und zu vertiefen. Ruth erkennt nicht nur die oft tiefe Einsamkeit von Menschen mit Behinderung, selbst innerhalb kirchlicher Gemeinschaften, sondern auch den dringenden Wunsch nach gemeinschaftlichen Ferienreisen. Menschen mit Einschränkungen und Familien mit behinderten Kindern stossen oft auf mangelnde Möglichkeiten. Um diesem Bedürfnis zu begegnen, entwickelte der Verein ein spezialisiertes Reiseangebot. „Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie wir die erste Israelreise für 60 Personen, darunter 20 Rollstuhlfahrenden, gemeinsam mit Kultour Reisen auf die Beine stellten", berichtet sie.
Die Resonanz auf die Initiative ist überwältigend positiv und ihre Wirkung tiefgreifend. Auch heute noch zeugen die beliebten Ferienwochen, Hilfen und Fachtagungen von ihrem anhaltenden Erfolg. Ruth Bai-Pfeifer hat ihr reiches Wissen und ihre Erfahrungen überdies in Büchern wie „Steine statt Brot" festgehalten, um sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Entdecke die ganze Geschichte und die aktuellen Angebote auf: www.gub.ch
Eine Frau der Hoffnung
Ich bin tief ermutigt aus unserem Vorgespräch gegangen. Mir begegnete eine Frau mit immenser Lebenserfahrung, und selbst nach all dem schien das Leben ihr immer wieder neue Herausforderungen zu stellen. Sie übersteht 2006 eine Brustkrebserkrankung, und 2024 verliert sie ihren Mann Ernst unerwartet an einem Herzinfarkt.
Doch trotz dieser schweren Schicksalsschläge begegnet mir eine Frau, die eine aussergewöhnlich grosse Portion Hoffnung ausstrahlt. Danke, Jesus. Danke, Ruth.