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Wieso Beziehungen die Lösung für fast alles ist "Beziehologie"

«Beziehungen können ohne Theologie nicht wirklich verstanden werden. Theologie muss Beziehung als Leitmotiv für Lehre und Leben haben.» Das sind die Einleitungssätze zu einem Podcast über «Beziehologie». Aber worum geht’s bei dieser Wortschöpfung? Ein Interview mit Michael Berra, Pastor der Prisma Kirche in Rapperswil. Die Fragen stellte Deborah Vassen.

Michael Berra, Pastor Prisma, Kirche Rapperswil, michael.berra@prisma.ch

Michael, das Thema «Beziehung» scheint dich ja zu verfolgen – ich erinnere mich an das R3-Movement (radical relationship) für Jugendarbeiten vor vielen Jahren, als du Jugendsekretär der FEG Schweiz warst. Warum ist Beziehung so wichtig?

Haha, ja, das ist schon ziemlich lange her, löst aber immer noch sehr gute Erinnerungen aus! Seit meinem Theologiestudium hatte ich eine Ahnung, dass Beziehungen absolut zentral sind. Seither hat sich diese Einschätzung noch verstärkt. Es ist spannend: Das Thema ist auch in unserer Gesellschaft absolut top. Wenn man in die Pop-Kultur schaut, egal ob Musik, Film oder Bücher – Beziehungsthemen sind allgegenwärtig. Das bestätigt auch die Psychologie und Soziologie: Wir Menschen sind durch und durch Beziehungswesen. Darüber hinaus spricht man seit einigen Jahren auch von einem «relational Turn» in diversen Wissenschaftszweigen. Ich muss das Thema also nicht als wichtig erklären, sondern es ist bereits anerkannt zentral dafür, wie wir Menschen und diese Welt ticken.

Warum Beziehung und Theologie?

Wir Christen wären doch eigentlich Beziehungsexperten. Von den ersten Seiten der Bibel an wird klar, dass wir auf Beziehung angelegt sind – nicht nur zwischenmenschlich und mit der weiteren Welt, sondern zuerst und grundlegend auf Gott hin. Das ist ein wesent­licher Punkt unseres Ebenbild-Gottes-Seins. Der Rest der Bibel ist Gottes grosse Geschichte der Beziehung mit den Menschen. Man kann Gott nicht aussen vor lassen, wenn wir uns selbst und unsere Beziehungen verstehen wollen.

Du hast kürzlich deine Doktorarbeit zum Thema publiziert. Warum brauchen wir eine «Theologie der Beziehung»? «Theologie» ist ja klassischerweise die «Lehre von Gott»?

Ja genau, das ist der springende Punkt: Keine «Lehre von Gott» ohne Beziehung. Wenn wir über Gott nachdenken, dann findet das immer in konkreter Beziehung statt. Der Zürcher Theologe Emil Brunner hat es so ausgedrückt: «Die biblische Offenbarung Alten und Neuen Testamentes handelt von der Beziehung Gottes zu den Menschen und der Menschen zu Gott. Sie enthält keine Lehre von Gott-an-sich, keine vom Menschen-an-sich. Sie sieht Gott immer als den Gott-zum-Menschen-hin und den Menschen immer als den Menschen-von-Gott-her.» (Wahrheit als Begegnung, S. 88) Beides ist nicht zu trennen und findet seinen Höhepunkt in der Inkarnation von Jesus. Deshalb sollten wir «Beziehung» auch bewusst und aktiv als Leitmotiv für das Ganze der Theologie nehmen. Aber dazu gäbe es noch viel zu sagen und das ist eines der Hauptthemen meines Buches – leider gibt es das nur in Englisch und mit ganz vielen Fussnoten :-)

Du machst die Inhalte deines Buches nun in Deutsch und allgemein verständlich über einen Podcast zugänglich. In einer Folge sprichst du davon, dass alles, wie ich über Gott und Mensch «nachdenke, wie ich darüber rede, wie ich glaube, wie ich zu einer Erkenntnis komme … in diesen Beziehungs-Kategorien stattfindet.» Was meinst du damit?

Ja, genau! (lacht) In evangelikalen Kreisen reden wir ja sehr gern von einer «persönlichen Beziehung zu Jesus Christus» und das ist uns enorm wichtig. Zu Recht! Ich kann eine Beziehung mit dem ewigen Gott haben – wow! Leider gehen wir dieser faszinierenden Tatsache nicht wirklich auf den Grund. Manchmal wird diese Formulierung sogar zu einer Floskel, einer leeren Worthülse. Oft ist nicht klar, was wir mit dieser Beziehung meinen, um welche Art von Beziehung es sich handelt. Darüber hinaus prägt diese Beziehung nicht alles Weitere, unsere Theologie, wie wir reden, unsere «Mission». Wenn es sich wirklich um eine Beziehung handelt, dann sollte dies die Grund-Kategorie für alles sein.

Wir sind aber als Menschen viel individualistischer unterwegs (Selbstständigkeit, Selbstverwirklichung und Selbstwirksamkeit). Ist «Beziehung als Hauptkategorie» nicht ein ziemlicher Affront?

Jein. Ich glaube, die Sehnsucht des Menschen geht genau in diese Richtung. Dass wir gleichzeitig unabhängig sein wollen (gerade auch von Gott), zeigt, dass das, was die Bibel «Sünde» nennt, zutiefst diese Beziehungsstörung meint. Diesen menschlichen «Zerriss» kennt übrigens auch die Sozialpsychologie. Aber mit Gott gibt es Grund zur Hoffnung!

Was würde sich ändern, wenn wir in unseren Kirchen deine Thesen ernst nähmen?

Erstens glaube ich, dass wir wieder ganz neu relevant und sprachfähig würden für eine Welt, die sich zutiefst nach wahrer Intimität und gelingenden Beziehungen sehnt! Zweitens würde der «beziehologische» Ansatz in Zeiten zunehmender Polarisierung zusammenbringen, was sonst unvereinbar scheint – sowohl theologisch als auch persönlich. Last but not least würde ich hoffen, dass es eine Bewegung auslöst, dass Menschen noch mehr als bisher von Gott angezogen werden und sich auf echte Intimität mit ihm einlassen.

Herzlichen Dank, Michael, für die Inspiration!

Reinhören: Podcast «BEZIEHOLOGIE» von Michael Berra und Mike Scheuzger, auf allen gängigen Podcast-Portalen (Spotify, Apple, Google etc.) oder auf anchor.fm/berraspektiven. Bei Staffel 2, Episode #1 «Alles Beziehung oder was» beginnen.

Lesen: Michael Berra, «Towards a Theology of Rela­tionship: Emil Brunner's Truth as Encounter in Light of Relationship Science», Pickwick Publications, 2022.

Blog: berraspektiven.ch