Manfred Jaletzky: Linien, Flächen, Zwischenräume
Verschiedene Wege bieten sich an, um sich dem Werk von Manfred Jaletzky zu nähern. Naheliegend ist es, sich zunächst seine Biografie anzusehen. 1946 in Oberhaunstadt bei Ingolstadt geboren, absolvierte Manfred Jaletzky nach der Schule eine Ausbildung zum Kirchenmaler. Mehrere Jahre arbeitete er in diesem Beruf, bevor er ab 1968 die – damals berühmte – Schwabinger Zeichenschule „Die Form“ von Hein König besuchte. Ein Jahr später nahm er an der Akademie der Bildenden Künste in München ein Studium der Malerei bei Adolf Hartmann auf. Nach der Emeritierung seines Professors wechselte er in die Klasse von Günter Fruhtrunk, dessen Meisterschüler er auch wurde. 1975 verließ er mit dem Diplom in der Tasche die Akademie und beschloss, freischaffend als Künstler zu arbeiten. Nach zehn Jahren in Garching kehrte er nach Oberhaunstadt zurück, wo er sich neben seinem Elternhaus eine Werkstatt eingerichtet hatte und später noch ein Ateliergebäude baute. Drei höchst unterschiedliche Lehrerpersönlichkeiten – mit König und Hartmann zwei Münchner Originale der alten Schule und mit Fruhtrunk einer der bedeutendsten Vertreter der Nachkriegsmoderne – bestimmten die Ausbildung von Manfred Jaletzky. Fast scheint es, als hätten sie, abgesehen von der Vermittlung technischer Finesse, keine Spuren hinterlassen. Das stimmt jedoch so nicht. Günter Fruhtrunk ist für seine geometrisch-abstrakten Bilder, vor allem natürlich für die „Streifenbilder“ bekannt. Es wäre jedoch verfehlt, ihn auf die konstruktivistischen Tendenzen in seinem Werk zu reduzieren. Vielmehr ging es Fruhtrunk um spannungsreiche Farb- und Form-Beziehungen einerseits, andererseits immer wieder auch um ein beruhigendes Innehalten – und nicht zuletzt um ein „Freisein des Sehens“. Das alles lässt sich auch in den Arbeiten seines Schülers Manfred Jaletzky ausmachen, wenngleich in einer deutlich verhalteneren Bildsprache. Die leisen Töne, nicht die lauten oder gar vorlauten, so erläutert der Künstler selbst, entsprechen seinem eigenen Naturell. Gleiches gilt wohl für die sanften, oftmals vegetabil anmutenden Formen. Man kann das Werk von Manfred Jaletzky jedoch nicht betrachten, ohne auf die von ihm beinahe ausschließlich verwendete Technik der Farblithografie einzugehen. Der Kauf einer Lithografie-Druckerpresse dürfte wohl das bedeutendste, für seinen weiteren Lebensweg entscheidende Ereignis während der Studienzeit gewesen sein. Ein Kommilitone hatte ihn auf den Zettel am Schwarzen Brett aufmerksam gemacht, auf dem eine Reiber-Handpresse aus den Dreißiger Jahren zum Verkauf angeboten wurde. In Einzelteile zerlegt und auf mehrere Fahrten aufgeteilt, um seinen R4 nicht zu überfordern, transportierte Jaletzky das gusseiserne Monstrum nach Oberhaunstadt und richtete sich in einem Schuppen auf dem Grundstück seiner Eltern die Druckwerkstatt ein, in der er noch heute arbeitet. Die Nähe seines Heimatorts zu den Steinbrüchen in Solnhofen, aus denen traditionell der für Lithografien genutzte Kalkstein kommt, betrachtet er ebenso als glückliche Fügung wie die Tatsache, dass hier in der galerie 13, in der er jetzt bereits zum fünften Mal ausstellt, der Fußboden aus Solnhofener Platten besteht. Die Lithografie oder der Steindruck ist ein Flachdruckverfahren, das auf dem chemischen Prinzip der Abstoßung von Fett und Wasser beruht. Der Künstler überträgt seine Vorzeichnung mit fetthaltiger Kreide oder Tusche spiegelverkehrt auf die geschliffene Druckplatte, die anschließend schwach angeätzt, mit Gummi arabicum behandelt, befeuchtet und eingefärbt wird. Das Wasser dringt nur in die fettfreien Bereiche ein und sorgt dafür, dass der Stein die fetthaltige Farbe dort nicht annimmt. Anschließend wird das Papier mit hohem Druck auf den Stein gepresst, sodass es die Farbe übernimmt. Jaletzky arbeitet mit kleinsten Auflagen. Jede Farbe wird einzeln gedruckt, nach jedem Arbeitsgang wird der Stein abgeschliffen. Das Ergebnis ist also nicht wiederholbar. Wenn man sie beherrscht, ermöglicht die Lithografie-Technik äußerst nuancierte Farbwirkungen und sehr detaillierte, zeichnerische Drucke. Jaletzky hat diese Technik im Lauf der Jahrzehnte perfektioniert. Zwischen den ältesten hier gezeigten Blättern, die um das Jahr 2000 entstanden sind, und den neueren Arbeiten zeigt sich eine Entwicklung hin zur stärkeren Betonung der Linie. Am Anfang jeder Lithografie steht eine Handzeichnung im kleinen Format. Aus einer Bewegung des Handgelenks entsteht das Bildmotiv. Aus dem ersten Impuls Linie wird die Linie fortgeführt, ohne ein einziges Mal abzusetzen oder auch nur über ihren weiteren Verlauf nachzudenken. Die Fähigkeit, den eigenen Gestaltungswillen in diesem Moment auszuschalten und der Hand die notwendige Freiheit zu gewähren, ist das Geheimnis dieser Zeichnungen. Erst danach verdichtet sich die Komposition durch das Füllen einzelner Flächen und Zwischenräume. Die Farbe des Papiers bestimmt die Bildwirkung ebenso wie die subtile Abstimmung der verschiedenen Druckfarben, die Jaletzky mit Hilfe kleiner Farbproben auf Papier auswählt. Die in dieser Ausstellung noch einmal gezeigten Holzskulpturen aus den 1990er Jahren sind der Versuch, diese Bildfindungen in den Raum zu übertragen. Es ist interessant zu sehen, wie sie sich als Objekte verändern. Sie gewinnen nicht nur zwangsläufig an Schwere, sie orientieren sich auch deutlich mehr als die ihnen zugrundeliegenden Zeichnungen und Druckgrafiken an der Welt der Dinge. Aus den zartesten Andeutungen von Pflanzlichem, von Blättern, Ranken oder Blüten werden nun Bäume mit Stamm, Ästen und vielleicht sogar Früchten. Manfred Jaletzy will den Betrachtern seiner Arbeiten nicht vorgeben, was sie zu sehen haben. Er möchte ihnen die von Fruhtrunk angestrebte Freiheit des Sehens gewähren, auch deshalb verzichtet er konsequent auf Titel. Und doch bietet sich ganz zuletzt noch ein weiterer Weg an, auf dem man dem ungewöhnlich homogenen Werk von Manfred Jaletzky begegnen kann: Immer ist es die Natur, meistens die Natur in seinem eigenen Garten, die ihn zu seinen Zeichnungen inspiriert. Es ist kein Wunder, dass er insbesondere die zarten Farben des Frühlings liebt, ist er doch an einem Maitag vor achtzig Jahren geboren. „Die Farbe existiert an und für sich, sie hat ihre eigene Schönheit“, schrieb Henri Matisse 1947 in seinem Text „Der Weg der Farbe“. Und er fährt fort: „Es genügt, Zeichen zu erfinden. Wenn man ein echtes Gefühl für die Natur hat, dann kann man Zeichen schaffen, die sowohl dem Künstler als auch dem Betrachter entsprechen.“ Katja Sebald
Dank
Mein herzlicher Dank geht an Katja Sebald für ihren einfühlsamen Text und an Paulo für dessen Präsentation. Darüber hinaus möchte ich mich bei Barbara und Michael Schölß für ihre Unterstützung bedanken. Es ist mir eine große Freude die wunderbaren Bilder von Manfred Jaletzky zeigen zu dürfen.
Die Ausstellung ist von 25. April 2026 bis 13. Juni zu den Öffnungszeiten der Galerie zu besuchen.
Fritz Dettenhofer
galerie 13 - fritz dettenhofer