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HEIKE PILLEMANN

aus dem leben erfunden

Heike Pillemann: aus dem Leben erfunden

„Lernen Sie die Formen der Natur auswendig, damit Sie sie verwerten können wie Noten in einem Musikstück“, fordert Max Beckmann in seinen „Drei Briefen an eine Malerin“. Am Ende aber mahnt er eindringlich: „Nichts liegt mir ferner, als Sie zu einer gedankenlosen Nachahmung der Naturerscheinungen anregen zu wollen. Immer wieder muss jede Form des Natureindrucks zu einem Ausdruck Ihrer eigenen Freude oder Ihres eigenen Leids werden, und daher in der Gestaltung die Veränderungen erhalten, die erst die Kunst, die echte Abstraktion, ausmacht. Aber überschreiten Sie nicht die ,Linie’: sobald Sie nicht aufpassen, sobald Sie müde werden und doch gestalten wollen, rutschen Sie ab – entweder in gedankenlose Imitation der Natur oder in sterile Abstraktionen …“

Nichts anderes meint Heike Pillemann, wenn sie ihre aktuelle Ausstellung mit „aus dem Leben erfunden“ überschreibt. Sie ist eine virtuose Zeichnerin, die über die von ihr verwendeten „Noten“ nicht nachdenken muss. Mit schlafwandlerischer Sicherheit beherrscht sie die von Beckmann angeführten Formen der Natur, Figuren, Gesichter, Körperteile, Hände. Wer daran auch nur den leisesten Zweifel hat, der muss sich nur die Stempelformen ansehen, die sie mit leichter Hand aus Moosgummi schneidet.

Die Virtuosität von Heike Pillemann als Zeichnerin besteht jedoch darin, dass sie für eine gute Zeichnung ihre Virtuosität über Bord zu werfen weiß. Jede ihrer Zeichnungen ist, wie von Beckmann eingefordert, „Ausdruck ihrer eigenen Freude und ihres eigenen Leids“. Sie sagt: „Alltagskatastrophen sind meine Triebfeder.“ Und so entstand, nachdem die radfahrende Künstlerin auf dem Weg zum Einkaufen in einen Pulk aus wie für die Tour de France ausstaffierten E-Bikern geraten war und einen der Teilnehmer nach dem Ziel der Etappe gefragt hatte, noch am selben Tag die Zeichnung „Senioren-Gang auf dem Weg nach Niederbayern“. Ein  „Heimatnachmittag im Harz“ zur Mundartpflege mit gleichzeitigem Karnevalstreiben fand Niederschlag in zwei wundersam merkwürdigen Blättern. Und auch die Serie „Umkleidekabine“ hat ihren Ursprung im echten Leben. Aber nicht nur die Zumutungen beim Kleiderkauf, auch morgendliche Gymnastikübungen und alltägliche Begegnungen, Beobachtungen, Gespräche, auch zufällig Gedachtes und zufällig Gefundenes kann der Impuls für ein Bild sein. 

Eine matt-türkisfarbene Fläche, die sie auf eine braune Pappe gestrichen hat, ist für die Künstlerin eine Aufforderung, sich auf ein Abenteuer einzulassen. Gleiches gilt für alte Bilderrahmen vom Flohmarkt, deren Scheiben in Hinterglastechnik bemalt werden wollen. Es gilt für einen großen weißen Bogen schönen Papiers ebenso wie für ein winziges Zettelfundstück aus dem Papierkorb. Der Karton, in dem einst „50 Sonntagsbrötchen“ in einen Supermarkt geliefert wurden, verwandelt sich mit ein paar Rissen, Faltungen und Farbtupfern in ein gefährliches Raubtier und aus verworfenen Zeichnungen, kaum mehr als Papierschnipseln, entstehen kleine Fabelwesen, die sich an Drähten in die Lüfte schwingen. Die Künstlerin schreibt dazu: „Gleich mit dem Material anfangen. Keine Skizzen, keine Entwürfe. Nur Lust am Machen…“

Heike Pillemann, 1958 in Herne in Westfalen geboren, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart bei Peter Grau, Rudolf Haegele und Paul-Uwe Dreyer. Seit 1983 lebt sie in München. Ihre Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis für Bildende Kunst der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Eine Verbindungslinie ließe sich von Heike Pillemann über SPUR und COBRA bis hin zu Dubuffet und Art Brut ziehen. Viel Gemeinsames ließe sich vor allem mit den Arbeiten von Heimrad Prem finden. Und am Ende könnte man ihre Erzählkraft sogar mit der von Max Beckmann vergleichen. Das Alleinstellungsmerkmal von Heike Pillemann aber ist ihr Humor, mit dem sie selbst die Widrigkeiten des Lebens zu einer Zeichnung umbiegt.

Das grafische Repertoire der Künstlerin umfasst Pinsel-, Graphit- und Kohlezeichnung ebenso wie Radierung, Ritzzeichnung und Monotypie. Darüber hinaus sind ihrem Ausdruckswillen und ihrer Experimentierfreude praktisch keine Grenzen gesetzt. Sie kombiniert Zeichen- und Collagetechniken, malt mit Tusche und Eitemperafarben, auch gestaltet sie Objekte, Keramik und Schmuck. Eine ganze Reihe von Büchern ist in Stempeltechnik entstanden. Bei den Hinterglasarbeiten ist es ihr gelungen, die mit dieser Technik einhergehende Flächigkeit zu durchbrechen und durch zeichnerische Elemente komplexe Bildräume zu schaffen.

Mit unterschiedlichen Herangehensweisen, Techniken und Materialien fordert sich Heike Pillemann immer wieder selbst heraus. Wenn sie sich auf den Weg macht, ist sie wie eine Seiltänzerin ohne Netz und doppelten Boden unterwegs. Niemals verlässt sie sich auf ihr Können. Nie wird sie müde, nie will sie einfach nur gestalten. Vielmehr geht es ihr jedes Mal wieder darum, einen unmittelbaren Ausdruck für ihr inneres Erleben zu finden. Nichts ist bei ihr Masche oder Wiederholung, alles ist „aus dem Leben erfunden“. Und genau das macht die große Qualität ihrer Arbeiten aus. 

Katja Sebald im März 2026

Dank

Mein herzlicher Dank geht an Katja Sebald für ihren sensiblen Text und an Paulo für dessen Präsentation. Es ist mir eine große Freude die wunderbaren Bilder von Heike Pillemann zeigen zu dürfen.

Die Ausstellung ist von 14. März 2026 bis 18. April zu den Öffnungszeiten der Galerie zu besuchen.

Fritz Dettenhofer

galerie 13 - fritz dettenhofer

ERSTELLT VON
Paulo Mulatinho